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BASKET

Backyard Baller

Ja Morants Geschichte begann auf einem abgelegenen Hinterhof mitten im Nirgendwo South Carolinas, unbemerkt und weit entfernt von den Brettern, die die Welt bedeuten. Doch es war eben jener Hinterhof, der für ihn die Grundlage seines beispiellosen Basketballmärchens liefern sollte. Ein Märchen, an dem der Rookie-Point-Guard der Memphis Grizzlies nun auf der großen NBA-Bühne schreibt und welches Seite um Seite, Highlight um Highlight, spektakulärer zu werden scheint!

„Und jetzt 25.“ Der schlaksige Teenager, kaum älter als ein Dutzend Jahre, lässt den Ball aus den Händen fallen und springt auf den Traktorreifen, der verloren und doch voller Bestimmung im wuchernden Gras liegt. Das schwarze Gummi trotzt der sengenden Abendsonne South Carolinas, während die Fü.e des Jungen Mal um Mal auf den monströsen Rädern landen. Glänzende Schweißperlen tropfen von seiner Stirn, die Mühsal ist ihm trotz oder gerade wegen seiner Jugend anzusehen. Es ist genau diese Schinderei, um welche er seinen Vater gebeten hatte. Welche ihn zu dem machen sollte, was er heute ist. Sie ist die Grundlage dafür, dass heute so ziemlich jeder den Namen Ja Morant kennt.

Aus dem Jungspund von einst ist nämlich ein NBA-Star geworden, der schon in seinem ersten Ligajahr immer wieder die Grenzen des physisch Möglichen austestet. Schlaksig ist er immer noch, doch durch seine langen Gliedmaßen pumpen Energie und Kreativität, die selbst unter den Akrobaten der besten Basketballiga des Welt ihresgleichen suchen. Aus den täglichen Highlight-Filmen der sportlichen Traumfabrik sind Morants Kunststücke schon lange nicht mehr wegzudenken. Sein Konterfei prangt auf gigantischen Werbetafeln und Magazinen mit Millionenauflage. Die Massen, jung wie alt, jubeln ihm zu, huldigen dem, was sie mit ihren Augen manchmal kaum begreifen können. Wer den Rookie-Point-Guard der Memphis Grizzlies und dessen natürliche Leichtigkeit heute sieht, der kann sich nur schwer vorstellen, dass es eine Zeit gab, in der dieser Ruhm in unerreichbarer Ferne schien. Damals, bevor irgendjemand von Ja Morant gehört hatte. Geschweige denn von irgendeinem Hinterhof in South Carolina.

Der Hinterhof als Trainingszentrum

Dabei ist Dalzell, Jas Heimatstadt und der Ort, an dem er sich in das orangene Leder verliebt, nicht unbedingt basketballerisches Ödland. Ein gewisser Ray Allen macht hier an der örtlichen Hillcrest High School Station auf seinem Weg zu Weltruhm und führt die Wildcats 1993 zur State Championship. Neben ihm steht Tee Morant im Starting Lineup, ein athletischer Wadenbeißer mit großem Herz und noch größerem Selbstbewusstsein. Nach wilden Jahren an der zweitklassigen Claflin University versucht er sich als Profi in Übersee, die Chancen auf die NBA stehen nicht schlecht. Doch mit der Schwangerschaft seiner Frau Jamie verschieben sich auf einen Schlag die Prioritäten. „Ich wusste, dass ich für meine Familie da sein musste“, erinnert sich Tee heute mit einem zufriedenen Lächeln.

Noch bevor der kleine Temetrius Jamel Morant das Licht der Welt erblickt, kehrt sein Erzeuger den eigenen sportlichen Träumen den Rücken und geht voll in seiner Rolle als fürsorglicher Vater auf. Als Friseur beschert er der Familie ein geregeltes Einkommen, und nach Feierabend überhäuft er den kleinen Ja mit Liebe und Zuneigung. Schnell entdeckt der Sprössling im Schoße eines engen Familienverbundes den Basketball für sich. Eine alles andere als verwunderliche Entwicklung, denn auch seine Mutter ging früher aktiv auf Korbjagd. Sein in die Wiege gelegtes Talent bliebt nicht lange unentdeckt. „Schon als er sehr klein war, sah man seine besondere Begabung für das Spiel“, sagt Tee von seinem Jungen, der schon als Grundschüler so gut wie nie ohne Ball in der Hand zu sehen ist. „Irgendwann kam er zu mir und fragte, ob ich ihn trainieren könnte. Ich antwortete, dass wir sofort loslegen können. Und das taten wir.“

Als Morant zehn Jahre alt ist, baut sein Vater ein halbes Basketballfeld in ihren Hinterhof, später ergänzt er es zum kompletten Court. Tee gibt seinem Sohn alles mit, was er je gelernt hat, und noch etwas mehr. „Ich selbst habe es mit dem Basketball nie zu hundert Prozent ernst genommen“, sagt Morant Senior im Hinblick auf die eigene Karriere. „Ja wollte von Anfang an ein Großer werden und arbeitete dementsprechend hart an sich. Ich habe versucht, ihn dabei mit allem zu unterstützen, was ich habe.“ Auch und vor allem mit Träumen. „Ich habe ihm immer gesagt, dass ich wie Peter Pan bin“, lacht Papa Morant. „Ich werde nie wirklich erwachsen werden, und er hat etwas von dieser Einstellung mitbekommen. Für mich war er immer Peter Pan Junior.“ Auf die leichtfüßigen Träume zweier Kindsköpfe folgen zunächst einfache Trainingseinheiten, Dribblings mit zwei Bällen, Slaloms mit Tennisbällen und andere Übungen für die Koordination. Die Morants fokussieren sich zunächst auf Fundamentals, Technik und Spielverständnis. Dann folgt die Physis, welche per Fallschirmrucksack, Medizinbällen und Sprints gestählt wird. Es sind überlebenswichtige Fähigkeiten für einen Spieler, der etwas aus sich machen will. Und der bei den anschließenden „Tests“ bestehen will.

Nicht selten tummeln sich nämlich 50 bis 60 passionierte Spieler an den Wochenenden im Garten der Morants. Ja hat per Facebook-Post eingeladen, Dalzells Baller-Elite folgt seinem Ruf. Tee schmeißt den Grill an, Mutter Jamie kocht, und bis spät hallt das Prellen des Basketballs und das Quietschen von sich schnell bewegenden Sneakern in die lauen Sommernächte South Carolinas hinaus. Das Trainingsgelände im Hinterhof wird zum familiären Treffpunkt für Jung und Alt, jeder ist willkommen und wird mit offenen Armen empfangen. Ja ist so gut wie immer der Jüngste und muss sich selbst gegen erwachsene Spieler behaupten. Beschweren tut er sich nie. Im Gegenteil, er liebt die Herausforderung und weiß, dass ihn jeder Tag auf dem Playground seines Elternhauses zu einem besseren Spieler macht. Eines fehlte ihm dennoch viele Jahre – die Athletik. „In den ersten High-School-Jahren konnte er nicht mal dunken“, sagt Tee. Er muss heute noch lächeln, wenn er sich an jene Tage erinnert. „Dann kamen die Traktorreifen … and his bounce got crazy.“ Der schlaksige Teenager lernt in der Folge fliegen und avanciert zum wandelnden Highlight-Reel. Auch in der Schule ist sein Arbeitseifer unbändig, sowohl im Klassenzimmer, wo er Bestnoten vorbringt, als auch im Gym, das ihm seine Coaches nie früh genug aufsperren können. Außer ein paar Kilos und Zentimetern fehlt es ihm eigentlich an fast nichts. Doch über den Gartenzaun und die Stadtgrenzen von Dalzell hinaus nimmt niemand auch nur den Hauch einer Notiz. Auf den meisten Rekrutierungslisten wird er nicht einmal geführt, die begehrten Sterne der Talent-Scouts gehen an andere. Offerten von großen Colleges bleiben aus. Selbst ein Jahr im AAU-Team von Superstar Zion Williamson ändert daran nichts. Zu klein, zu schmächtig, zu weit vom Schuss weg, ein durch Social Media verwässertes Scouting … mögliche Gründe gibt es viele, eine echte Erklärung nicht. Es ist die prägende Erfahrung in Ja Morants Jugend, eine Erfahrung, die den Teenager mehrmals zweifeln lässt. „Damals habe ich mich oft gefragt, ob ich gut genug bin, um im Basketball wirklich etwas zu erreichen“, sagt Ja. „Es war keine einfache Zeit. Aber im Nachhinein bin ich froh, dass ich an meinen Traum geglaubt habe. Denn es hat sich ja dann doch alles zum Guten gewendet.“

„Dankbar, dass ich mit ihm hier stehen darf“

Das hat es … vermutlich dank einer einfachen Tüte Chips. James Kane, damaliger Assistant Coach der Murray State University, besuchte ein Basketball Camp in Spartanburg, um einen potenziellen Spieler für die Racers zu scouten. Nach Stunden im unbequemen Schalensitz bekommt er Hunger und holt sich eine Packung Doritos und eine Soda. Mit beidem in der Hand setzt er sich in eine Nebenhalle, wo gerade ein paar Jungs Drei-gegen-Drei spielen. Dies ist der Moment, in dem Kane zum ersten Mal Ja Morant zu Gesicht bekommt. Minuten später klingelt bei Matt McMahon, Kanes Boss, das Telefon. „Ich sagte ihm, dass er sofort herkommen und sich diesen Jungen ansehen muss“, lacht Kane, der später von der „besten Tüte Chips seines Lebens“ sprechen soll. „Man konnte sofort sehen, dass er etwas Besonderes ist.“ Das lassen die Verantwortlichen der Racers auch Morant spüren. „Murray State fühlte sich sofort wie Zuhause an“, sagt Ja über das College in Kentucky. „Sie wollten mich und empfingen mich mit offenen Armen.“ Seine Zusage ist für Murray State und ihn selbst der Startschuss zu einer Reise, die wohl alle gehegten Hoffnungen übertrifft.

Assist- und Scoring-Rekorde der Racers purzeln reihenweise. Ja ist Dauergast in den SportsCenter Top 10 und entwickelt sich zum besten College-Point-Guard in Amerika. Mit jeder Top-Leistung klettert Morant die Draft-Boards empor, seine Auftritte sind längst Social-Media-Sensationen und Must-See-TV. „Es gibt nicht viele Spieler, von denen man nicht für eine Sekunde die Augen nehmen darf – er ist einer davon“, schwärmt ESPN-Experte Jay Bilas wie viele andere in den höchsten Tönen. Sein Meisterstück liefert Ja als Sophomore im NCAA Tournament ab, wo ihm gegen Marquette das erst siebte Triple-Double in der Geschichte von March Madness gelingt. Nicht schlecht für einen Jungen, den kurz zuvor kaum jemand kannte. „Es hat sich nie jemand um mich gekümmert, da ist es fast schon komisch, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen“, sagt Ja. „Doch ich will mich nicht beschweren.“

Bei seinem nächsten Schritt sollte sich das Interesse an seiner Person nur noch vervielfachen – die beste Basketballliga des Planeten öffnet ihm ihre Pforten, und er folgt ihrem Ruf. Beim Draft 2019 im Barclays Center macht Ja Morant nicht nur den finalen Schritt zum NBA-Star, es schließt sich für ihn und seinen Vater auch ein Kreis. Fast ungläubig sehen sie in die Kamera, als die Memphis Grizzlies Ja mit dem zweiten Pick ziehen. Doch dann weicht das Überwältigende des Moments der reinen Freude. Vater und Sohn umarmen sich im Blitzlichtgewitter mit dem Wissen, dass aus ihren Träumen Wirklichkeit wurde. „Ich bin so stolz auf ihn, so unendlich stolz“, lächelt Tee anschließend im Interview. „Er hat allen gezeigt, was man mit harter Arbeit erreichen kann.“ Sein Sohn legt den Arm um seinen Vater und in seinen Augen beginnen die Tränen zu laufen. „Es ist ein besonderer Moment für uns beide“, sagt er leise zu dem Mann, der ihn mit Kritik und Motivation immer hungrig bleiben ließ. „Mein Vater hat alles für mich getan und mich zu dem gemacht, der ich heute bin. Ich bin einfach nur dankbar, dass ich hier mit ihm stehen darf.“

Es ist ein Moment, den sich Vater und Sohn redlich verdient haben und der Belohnung ist für alles, was sie auf sich genommen haben. Am Ende ist das Märchen Morant damit aber noch lange nicht – im Gegenteil. Gut ein halbes Jahr später zählt er zu den aufregendsten jungen Spielern der Liga, hält die blutjungen Grizzlies im Playoff-Rennen und die Wahl zum „Rookie of the Year“ scheint Formsache. Seine Statistiken (17,6 Punkte, 7 Assists pro Partie) deuten lediglich an, wie wertvoll er bereits jetzt für sein Team ist und dürften ein Vorgeschmack auf das sein, was Ja Morant in den nächsten Jahren noch liefern kann. „Er kratzt gerade einmal an der Oberfläche“, verspricht sein Coach Taylor Jenkins, der vor allem auch vom Charakter seines jungen Anführers begeistert ist. Der stets bescheidene und gleichzeitig selbstbewusste Morant bereitet sich akribisch auf Gegner vor, übt heftige Selbstkritik und liebt es, seine Mitspieler in Szene zu setzen. Privat ist er mit der gesamten Familie ebenfalls in Memphis angekommen. Letzten September feierte er mit Freundin KK Dixon die Geburt ihrer Tochter Kaari Jaidyn.

Mittlerweile sind solche Ereignisse eine Schlagzeile wert. Wie auch jeder Schritt Morants auf dem Hardwood. Die Tage des Schattendaseins sind zweifelsohne vorbei. Ja lebte immer nach zwei Prinzipien, die ihm seine Eltern mit auf den Weg gaben – dass er „beneath no one“ und „trained to go“ sei. Den Beweis dafür hat er bereits jetzt auf beeindruckende Art und Weise angetreten. Es hat sich alles ausgezahlt – die vielen Trainingseinheiten, der stetige Glaube, das Warten auf den richtigen Moment. Und jedes einzelne 25er-Set …

Text: Moritz Wollert

Bilder: Gettyimages

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