BASKET

I hate Christian Laettner

Für Duke holte er zwei NCAA-Titel und versenkte den legendärsten Wurf der College-Geschichte. Dennoch gilt Laettner, der 1992 mit dem phänomenalen „Dream Team“ Gold in Barcelona holte, in den USA noch heute als meistgehasster Basketballer ever.

Für gewöhnlich werden in der History-Kategorie der BASKET Spieler in den Fokus gerückt, die zu den besten Spielern aller Zeiten gehören. Legenden vom Kaliber eines Michael Jordan, Magic Johnson oder Kareem Abdul-Jabbar. Ebenjene Megastars, die neben dem mehrfachen Gewinn der „Larry O’Brien Trophy“ auch als MVP, Scoring-Champ oder „Defensive Player of the Year“ ausgezeichnet wurden. Christian Laettner kann nichts von alledem vorweisen. Die NBA-Laufbahn des 2,11 Meter großen Power Forwards verlief eher mittelmäßig. Mit einem Karriereschnitt von 12,8 PPS, 6,7 REB und 2,6 AS konnte Laettner die Vorschusslorbeeren, die ihn 1992 zum 3. Draft-Pick machten, nie vollends rechtfertigen. In seinen 13 NBA-Jahren spielte der Big Man nie um die Meisterschaft, dafür aber für sechs verschiedene Teams (Timberwolves, Hawks, Pistons, Mavericks, Wizards und Heat).

Und dennoch hat Laettner, der am 17. August 2019 seinen 50. Geburtstag feiert, seinen Platz in allen Basketball-Geschichtsbüchern sicher. Denn der Ex-Profi steht für so viel mehr als nur für seine allenfalls leicht überdurchschnittliche Schaffenszeit in der NBA. Der Blue Devil ist einer der größten College-Basketballer aller Zeiten und gewann zudem mit dem legendären „Dream Team“ 1992 in Barcelona olympisches Gold. Außerdem wird er wie kaum ein zweiter US-Sportler gehasst. Doch der Reihe nach! 

Aus einfachen Verhältnissen

1969 kommt Christian Donald Laettner als Sohn polnischer Einwanderer in Angola, New York, zur Welt. Während sich seine Eltern bereits voll und ganz mit den Vereinigten Staaten identifizieren, spricht der Großvater nur gebrochenes Englisch. Familie Laettner ist nicht reich, sondern eine klassische katholisch-konservative Arbeiterfamilie. Christians Mutter Bonnie erkennt, dass eine herausragende Ausbildung die einzige Möglichkeit für den sozialen Aufstieg ist. Sie möchte ihren Jungen auf die renommierte Privatschule Nichols School im Norden Buffalos schicken. Ein ambitioniertes Ziel, für das eine stattliche Summe Geld nötig ist. Und so schuftet die gesamte Familie Laettner in den Sommerferien auf einer Farm. Auch die Brüder Christian und Christopher müssen stundenlang Säcke mit grünen Bohnen und Gurken füllen. Für einen 20 Kilogramm schweren Sack erhalten sie, abgesehen von höllischen Rückenschmerzen, gerade einmal 50 Cent. Doch die Jungs machen, wie auch sonst immer, einen Wettbewerb aus der Plackerei! 

Um nach den Ferien tatsächlich an der Nichols School anheuern zu dürfen, verpflichtet sich der spätere Basketball-Star der Schule, die achte Klasse zu wiederholen. Auch wenn er auf dem Weg in die Bildungsanstalt täglich sechs Mal umsteigen muss, genießt Laettner das erhabene Gefühl, die Eliteschule besuchen zu dürfen. Um die laufenden Kosten jedoch stemmen zu können, erhält er staatliche Unterstützung, mäht den Rasen der Schule, wischt mehrmals wöchentlich die Flure und steht dem Hausmeister bei Reparaturen zur Seite. Er ist, wie nicht zuletzt seine Kleidung verrät, der ärmste Junge der Schule. Das wahre Interesse der Eliteeinrichtung besteht ohnehin darin, mit dem Freshman, der zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Meter misst, die High-School-Meisterschaft zu gewinnen!

Laettner

Christian Laettner (Foto: Getty Images)

Und die Rechnung geht auf, denn das verheißungsvolle Talent führt sein Team ungefährdet zu zwei Staatsmeisterschaften und bricht mit über 2.000 Zählern den Punkterekord. Die Folge: Nahezu jedes namhafte College-Programm in den USA interessiert sich für den talentierten Big Man. „Ich erhielt Anrufe von Indiana, North Carolina, Syracuse, Virginia, Kentucky, Notre Dame, Pittsburgh und Duke“, erinnert sich Laettner und packt eine Anekdote aus: „Als Coach Robert Knight von Indiana mich anrief, sagte ich etwas Beleidigendes und legte, weil ich den Anruf für den Streich eines Nachbarjungen hielt, auf.“

Der legendärste Wurf der NCAA-Historie

Der Teenager setzt sich durch und heuert 1988 bei keinem Geringeren als Coach Mike „Coach K“ Krzyzewski an. Als absoluter Starspieler führt Laettner die University of Duke in seiner ersten College-Saison prompt zum Meistertitel – dem ersten in deren College-Geschichte. Im Jahr darauf setzt sich Laettner dann endgültig ein Denkmal: Am 28. März 1992 gelingt ihm „The Shot“ (nicht zu verwechseln mit Michael Jordans gleichnamigem Wurf). Ein epischer Meilenstein, der den Schützen zum verhasstesten Spieler der Vereinigten Staaten machen wird: 2,1 Sekunden sind im East Regional Final gegen Kentucky noch auf der Uhr. Die Duke Blue Devils liegen mit 102:103 in Rückstand, stehen mit dem Rücken zur Wand.

„Kannst du einen Pass über das gesamte Spielfeld werfen?“, fragt „Coach K“ seinen zweiten Star Grant Hill. Der bejaht. „Kannst du einen solchen Pass fangen?“, fragt der Trainer Laettner, ohne auf den anschließenden Wurf einzugehen. Es folgen die Sekunden der Wahrheit. Hill wirf, Laettner fängt. Doch statt unmittelbar den Wurf zu suchen, dribbelt der Duke-Star den Ball noch einmal, täuscht dabei, mit dem Rücken zu seinem Gegenspieler, eine Bewegung über seine rechte Schulter an, dreht sich stattdessen aber blitzschnell über die linke Seite. Die Uhr zeigt noch 0,8 Sekunden an. Wenig Zeit für einen Fade-Away-Jumper. 0,3 Sekunden vor Spielende verlässt der Ball Laettners Hand in Richtung Korb. Der Buzzer ertönt, nur ein Augenzwinkern später fällt der Ball durch die Reuse. Die Arena steht Kopf. Schlussendlich ziehen die Blue Devils erneut in die NCAA-Finals ein und -verteidigen eindrucksvoll ihren Titel.

Der Mann, den man mit Freuden hasst

Doch wie kommt es, dass diese Heldentat den heute 50-Jährigen zum unbeliebtesten Basketballer Amerikas macht? Dieser Frage widmete sich 2015 die ESPN-Dokumentation „I hate Christian Laettner“. Als Begründung liefert das sehenswerte Werk das Zusammenspiel mehrerer Faktoren: Zum einen gelangen dem Power Forward neben „The Shot“ weitere entscheidende Würfe in seiner Karriere. Er war der Topstar des College-Basketballs, spielte zudem noch beim dominierenden Überteam. Duke war bereits ohne ihn das meistgehasste College. Es galt als Adresse für privilegierte weiße Schnösel. Und der Schönling Laettner, der, wie eingangs erwähnt, eigentlich aus einfachen Verhältnissen stammte, galt zu unrecht als der Schnösel-Prototyp. Zudem stand Basketball-Amerika noch unter dem Eindruck eines Jahrzehnts, das von den Duellen zwischen Larry Bird und Magic Johnson – also zwischen dem weißen, konservativen Boston und dem progressiven, schwarzen Los Angeles – geprägt war. Im Basketball, einem Teil afroamerikanischer Kultur, einen weißen Sonnyboy triumphieren zu sehen, nervte viele Basketball-Fans. 

Christian Laettner im Trikot des Dream Team 1992 (Foto: Getty Images).

Außerdem leistete sich Laettner auf dem Court regelmäßig Unsportlichkeiten. So trat er vor seiner Heldentat in besagter Partie gegen Kentucky seinem Gegenspieler Aminu Timberlake, als dieser auf dem Boden lag, auf den Brustkorb, wurde dafür jedoch lediglich mit einem technischen Foul sanktioniert. Nach der Partie betonte er lapidar, eine Disqualifikation wäre auch eine zu harte Strafe gewesen.

„Er kann nichts dafür. Er wurde von seinem Bruder Chris immer aufgezogen und provoziert. Die Laettner-Brüder haben durch ihre täglichen Duelle ein ungesundes Maß an Ehrgeiz entwickelt“, erklärte Duke-Teamkollege Grant Hill.

Doch es gibt einen weiteren Grund dafür, dass bis heute kaum jemand Laettner mag: 1992 tritt die US-amerikanische Nationalmannschaft bei den Olympischen Spielen zum ersten Mal mit Profis an. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten ausschließlich College-Spieler um Medaillen gekämpft. Das beste Team aller Zeiten soll nach Spanien reisen. Die Geburtsstunde des „Dream Teams“. Michael Jordan, Magic Johnson, Larry Bird, Charles Barkley, Karl Malone … die größten Superstars, lebende Legenden, in einem Team vereint, um die Welt das Fürchten zu lehren.

Aus Verbundenheit zur Geschichte kommt damals schnell der Gedanke auf, neben elf Superstars auch einen College-Spieler zum olympischen Basketball-Turnier zu schicken. Dass die Wahl auf den weißen Vorzeigeathleten Christian Laettner fällt und nicht auf den angehenden No.-1-Pick Shaquille O’Neal, empfindet die Mehrheit der Anhänger als echten Affront. Shaq ist beliebt, unterhaltsam, verheißungsvoll und wäre nicht erst aus heutiger Sicht eine überaus würdige Vertretung gewesen. 

Laettner hingegen steht stellvertretend für die Macht der weißen Mehrheitsgesellschaft, die selbst im Lieblingssport der schwarzen Minderheit das Sagen hat und die das mit jener Nominierung zum Ausdruck bringt. Dabei muss festgehalten werden, dass die damalige Berufung des Duke-Spielers aus sportlicher Sicht durchaus berechtigt war. Mit insgesamt 407 Zählern hält er bis heute den Rekord für die meisten Punkte im NCAA-Endturnier. Die Entscheidung pro Laettner als reines Politikum abzutun, ist einfach abwegig. Ein bisschen mehr Wertschätzung hätte der Mann, der neben der Hall of Fame des College-Basketballs mit dem „Dream Team“ auch Mitglied der Naismith Memorial Basketball Hall of Fame ist, definitiv verdient!

Autor: Markus Unckrich

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