BASKET

James Harden wird MVP, aber…

Für mich ist das MVP-Rennen entschieden. „The Beard“ muss meines Erachtens zum wertvollsten Spieler der regulären Saison 2017-2018 gewählt werden, auch wenn die offizielle Wahl noch einige Wochen aussteht. 31,2 Punkte, 8,7 Assists, 5,2 Rebounds und 30,64 PER pro Spiel für sprechen eine deutliche Sprache. Der 28-jährige Guard ist der beste Spieler im Team mit der besten Saisonbilanz. Die Houston Rockets spielen eine überragende Saison dank ihres Superstars und werden es den Golden State Warriors in den Playoffs verdammt schwer machen. LeBron James, Anthony Davis, Damian Lillard, Kevin Durant, Stephen Curry, Giannis Antetokounmpo, Kyrie Irving, Russell Westbrook und DeMar DeRozan runden meine Top Ten der MVP Kandidaten ab, aber James Harden war für mich der Star der Stars der bisherigen Saison. Letztes Jahr landete James Edward Harden Jr. hinter Russell Westbrook auf Platz zwei. Dieses Jahr wird der sechsmalige All-Star endlich den verdienten Lohn für seine Arbeit erhalten und dafür die MVP-Trophäe mit nach Hause nehmen dürfen.. Schon jetzt skandieren die Rockets Fans im Toyota Center von Houston mit Recht „MVP, MVP, MVP“.

ABER: Obwohl ich James Harden sehr gerne spielen sehe, stört mich etwas an seinem Spiel. Ich teile auch nicht die Meinung seines Coaches, Mike D’Antoni, der nun behauptet, dass James Harden der beste Offensivspieler ist, den er jemals gesehen hat. Angeblich wäre der 1,96 Meter lange Linkshänder der beste Scorer und Playmaker aller Zeiten.

Hallo? Geht es noch? Was ist mit Michael Jordan, Kobe Bryant, Kevin Durant oder LeBron James? Harden ist offensiv talentiert. Sehr talentiert sogar. Letzte Saison war er der NBA Assist Leader und mit seiner theatralischen Art zieht er so gut Fouls wie wohl niemand anders in der Liga! So wie er in der NBA spielt, spielt der gebürtige Kalifornier auch schon seit vielen Jahren in der Drew League, einer der bekanntesten Inner City Sommerligen hier in Los Angeles. Streetball! Rauf und runter. Frei nach dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“. Genauso spielen die Rockets. Mike D’Antoni hat mit diesem Style mit Steve Nash in Phoenix allerdings nie einen Titel gewonnen, und ist mit Camelo Anthony bei den New York Knicks und Kobe Bryant bei den Los Angeles Lakers sogar sang- und klanglos untergegangen. Defense hat bei D’Antoni nie eine Rolle gespielt und das gefällt Harden natürlich.

Harden ist berühmt-berüchtigt für seine Phantom-Defense. Eine Verteidigungsposition ist nur selten bei ihm zu erkennen. Meistens geht er direkt auf den Steal, und wenn es nicht klappt, gibt er praktisch auf. Sein lustloses Zurücklaufen, wenn der Schiedsrichter mal nicht das Foul pfeift, ist geradezu legendär. Wer mal bei Google „James Harden Defense“ eingibt, hat für Stunden was zu lachen.

Für mich gehört es dazu, dass ein MVP auf beiden Seiten des Courts seine Leistung bringt. Die ganz Großen des Sports haben natürlich auch defensiv ihre Pausen eingelegt, aber keiner hat so offensichtlich sein Desinteresse an der Defense zur Schau gestellt wie James Harden.

James Harden ist aber nicht nur defensiv eine null. Auch offensiv hat er noch an einigen Dingen zu arbeiten. Er hält immer noch diverse Rekorde für Turnovers in einem Playoffspiel. Und trotz seiner beachtlichen Statur sieht man Harden quasi nie im Postup. Seine rechte Hand nimmt er meistens auch nur zum Kopfkratzen. Sein Euro Step ist legendär, aber oft bewegt er sich auch sehr nahe am Schrittfehler, um es mal vorsichtig auszudrücken. Und ich habe auch noch nicht vergessen, dass sein ehemaliger Coach bei den Rockets, Hall-of-Famer Kevin McHale, ihm jegliche Leadership-Qualitäten abgesprochen hat. Harden nannte McHale darauf einen „Clown“, was ich wiederum sehr lustig fand.

James Harden wird sich messen lassen müssen an dem Team Erfolg seines Teams. Gewinnt er mit den Rockets einen Titel im Juni, dann hat er auch mich vollends überzeugt. Ich lasse mich überraschen. Sollte die Operation NBA Championship scheitern, muss er aufpassen, dass er als „One Trick Pony“ abgestempelt wird oder sogar als „Clown“.

Der Autor:
Dean Walle ist Basketball-Journalist in den USA und schreibt direkt aus den Staaten für BASKET. Mit spitzer Feder und sportlichem Sachverstand nimmt er die Geschehnisse der besten Basketball-Liga der Welt in seiner neuen BASKET-Kolumne unter die Lupe.

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