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BASKET-Kommentar zum Harden-Trade

Zwei MVP’s und ein sechsfacher All-Star – James Harden, Kevin Durant und Kyrie Irving werden in Brooklyn ein Super-Trio bilden, das in der Geschichte der NBA seinesgleichen sucht. Auf dem Papier scheint ihre offensive Feuerkraft unaufhaltsam. Doch der Trade von The Beard bringt zahlreiche Fragen mit sich und macht die Nets endgültig zum polarisierendsten Team der Liga. Die drei Superstars bewiesen in der Vergangenheit immer wieder ein immenses Ego und sind gleichermaßen bekannt für ihre Qualitäten auf dem Feld und für fragwürdige Aussagen und Handlungen. Können Sturköpfe dieser Art spielerisch und menschlich harmonieren?

Durant Irving Nets

Die Nets senden mit der Ergänzung von Harden ein klares Zeichen – Sie wollen unmittelbar den Titel holen!
Foto: gettyimages

In der Vergangenheit haben die Nets mit riskanten Trades offensichtlich schlechte Erfahrungen gemacht. 2013 fädelte Brooklyn einen der wohl spektakulärsten Deals der NBA-Geschichte ein. Kevin Garnett, Paul Pierce und Jason Terry zogen von Boston an den Big Apple und die Celtics erhielten im Gegenzug zahlreiche Spieler und Picks. Das Projekt scheiterte jedoch kläglich und die Nets kamen in den Jahren mit Garnett und Pierce nicht über die erste Runde der Playoffs hinaus. Auch ein Rebuild war im Anschluss ohne die hohen Picks aus 2016 und 2017 nur schleppend umsetzbar. Zur Erinnerung, die Celtics konnten sich dadurch Jaylon Brown und Jason Tatum sichern.

Mit der Ergänzung von James Harden gehen die Nets erneut All-in. Brooklyn verliert in dem Four-Team-Trade unteranderem aufstrebende Youngster wie Caris LeVert und Jarrett Allen und in Taurean Prince einen wichtigen Rollenspieler. Teil des Deals sind auch vier Erstrundenpicks der Nets und vier Pickswaps. Das Risiko, das Brooklyn mit dem Tradepaket eingeht, scheint trotzdem lohnenswert. Sollte das Kollektiv aus Durant, Irving und Harden funktionieren, erhebt sich das Team prompt zum vielversprechendsten Contender im Osten. Doch dem Gelingen des Projekts stehen einige Hürden im Weg.

Harmonie in Brooklyn?

Schon bei der Vereinigung von Kevin Durant und Kyrie Irving stellte sich der NBA-Kosmos die Frage, ob solch sprunghafte Charaktere ein harmonisches Miteinander in Brooklyn etablieren können. Befürworter des neuen Nets-Konstrukts verwiesen auf die Freundschaft zwischen den beiden Stars und auch Gespräche von KD und Uncle Drew im Instagram-Stream und in Durants Podcast The ETC’s ließen eine positive Entwicklung erwarten. Doch die Addition von Harden und das mysteriöse Verschwinden Irvings bringen die Zweifel an einer funktionierenden Teamchemie mit voller Wucht zurück.

James Harden hatte in Houston schon seit mehreren Wochen um einen Trade gebeten. Eine Forderung, die er besonders auf Kosten seiner Mitspieler durchsetzen konnte. Harden wurde in den vergangenen Monaten trotz der Corona-Auflagen der Liga mehrfach in Clubs gesehen, erschien verspätet zum Trainingslager und zuletzt wurde Kritik an seinem Einsatz und seiner Motivation laut. In den ersten acht Partien der laufenden Saison erzielte der Bart „nur“ 24,8 Punkte pro Spiel, die niedrigste Ausbeute, seitdem er für die Rockets auf dem Court steht.

Nach der Niederlage gegen die Lakers ließ Harden dem Frust seiner aktuellen Lage freien Lauf. Der Shooting Guard bezeichnete sein Team im Interview als nicht gut genug und sagte, dass die Probleme in Houston nicht lösbar seien. Aussagen, bei denen der Geduldsfaden von Teamkollege DeMarcus Cousins endgültig riss. „Der fehlende Respekt war schon vor irgendeinem Interview allgegenwärtig“, sagte Cousins. „Alleine, wie er mit dem Training Camp umgegangen ist, wie er sich da verhalten hat. All diese Sperenzchen neben dem Feld. Die Respektlosigkeiten waren schon viel früher da, das ist nichts, was erst am vergangenen Tag begonnen hat.“

In Brooklyn werden Durant, Irving und Harden ihr Ego zügeln müssen, um eine funktionierende Teamchemie zu kreieren. Eine Herausforderung für die gesamte Franchise. Sollte dies gelingen, bleiben trotzdem auch spielerische Fragezeichen.

Drei Scorer und nur ein Ball

In der NBA Saison 2018/19 gelang einem jungen Nets-Kollektiv die erste Playoffteilnahme seit 2015. Angeführt von D’Angelo Russel zeigte Brooklyn eine durchaus spektakuläre Saison mit dynamischem Teamplay. Mit der Neuverpflichtung Hardens befürchten viele Fans ein unansehnliches, statisches Iso-System. Im Januar 2019, als der Bart seit mehr als vier Wochen nicht weniger als 30 Punkte pro Spiel verbucht hatte, standen auf seinem Konto 691 Isolation-Plays – mehr als jedes andere NBA-Team in der Saison bisher gelaufen war.

KD, Irving und Harden gehören ohne Frage zu den besten Scorern, die die Liga je gesehen hat. Sie können sich von jeder Position auf dem Court einen Abschluss kreieren. Doch dabei haben sich alle drei in der Vergangenheit als sehr balldominant erwiesen. Wie lässt sich also für Steve Nash und sein Trainerteam ein System etablieren, in dem die Stärken der Superstars zur Geltung kommen? Zahlreiche Twitter-Nutzer erinnerten die Nets auf diese Frage zynisch daran, dass Basketball nur mit einem Ball gespielt wird.

Besonders Harden muss sich für seinen Traum vom Ring zurücknehmen und Off-Ball-Qualitäten zeigen, wie zuletzt in seiner Zeit in Oklahoma. In Houston war das gesamte System auf den Shooting Guard ausgelegt und er zeigte ohne Ball und in der Verteidigung häufig ein gewisses Desinteresse. Seine Fähigkeiten als Passgeber lassen jedoch hoffen, dass er seine beiden Co-Stars entsprechen in Szene setzten kann. Zudem bewiesen Durant und Irving bereits an der Seite von Russell Westbrook und LeBron James, dass sie auch ohne Ball durchaus gefährlich sein können.

Es bleibt abzuwarten, inwiefern sich der riskante Trade für die Nets lohnt. Trotz der immensen individuellen Qualität müssen sie beweisen, ob sich die einzelnen Teile zu einer Mannschaft formen lassen. Nach Hardens Ankunft in New York und Irvings Rückkehr, die weiterhin unklar bleibt, werden die ersten Partien zumindest für spielerische Klarheit sorgen. Wie es in Sachen Teamchemie aussieht, werden die Playoffs, Durststrecken der Nets und weitere sicherlich interessante Interviewaussagen zeigen. Was bleibt, ist jedoch ein Team mit unermesslichem Potenzial und der Möglichkeit, schon in dieser Saison eine dominante Postseason zu absolvieren oder historisch zu scheitern.