BASKET

Zwei wie Pech und Schwefel

Schon beim Eintritt in das unscheinbare Büro ­Holger Geschwindners runzelt man verwundert die Stirn. Ein Plakat mit der Aufschrift „Institut für angewandten Unfug“ ziert die kleine Eingangstür. Im Inneren sitzt der mittlerweile 73-jährige Mentor und Entdecker von Dirk Nowitzki hinter seinem Schreibtisch, ­gefüllt mit zahlreichen Skizzen. „Als wir angefangen haben mit Dirk zu trainieren, wurden all unsere ­Methoden als blanker ­Unsinn dargestellt“, schmunzelt Geschwinder. „Da wollten wir nicht großartig ­widersprechen – und haben halt ein ,Institut für angewandten ­Unfug‘ daraus gemacht.“ Mit ­einem breiten Grinsen zeigt er seine amerikanische Visitenkarte („Institut for applied ­nonsense“), daneben ein Bild von Albert ­Einstein. Bei ­Geschwindner, einem studierten Physiker und Mathematiker, ist einfach alles etwas ungewöhnlich. ­„Also, Holger war schon immer ­anders, der hatte immer einen ­anderen Ansatz – da ist nichts normal“, bestätigt Nowitzki, der es nach über 20 Jahren gemeinsamer Arbeit am besten wissen muss.

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In Würzburg förderte Holger Geschwinder auch weitere spätere Nationalspieler wie Robert Garrett, Demond Greene, und Marvin Willoughby (Foto: Getty Images).

Um den eigenwilligen Lehrmeister Holger Geschwindner zu verstehen, muss man zunächst weit in dessen Vergangenheit zurückblicken. Was viele nämlich nicht wissen: Der sportliche Ziehvater des NBA-Helden ist nicht nur ein hervorragender Mathematiker, sondern war selbst auch ein begnadeter Basketballspieler. Vier Deutsche Meistertitel, ein Pokalsieg und die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1972, bei denen er die deutsche Mannschaft als Kapitän aufs Parkett führte, schmücken seine sportliche Vita. Allein vom Basketball konnte man damals auch als deutscher Nationalspieler jedoch nicht leben. So schloss Geschwindner zeitgleich ein Mathematik- und Physikstudium an der Münchner Universität ab – aus reiner Faulheit, wie er sagt. Mathe und Physik fielen ihm in der Schule schon leicht, da musste er nicht viel lernen.

„Wer bringt dir denn die Sportart bei?“

Fortan verstand Geschwindner es wie kein Zweiter, die verschiedenen Materien Basketball, Physik und ­Mathematik miteinander zu verbinden. Das „Versuchskaninchen“ für seine unorthodoxen Trainingsideen: Dirk Nowitzki. Bei einem Spiel der „Rentnerband aus Eggolsheim“, wie Geschwindner seine Altherren-Mannschaft aus Würzburg selbst nannte, entdeckte er den damals 14-jährigen Jungspund. „Wir standen am Spielfeldrand und da rannten ein paar Buben hin und her. Ein langer, dünner ist mir aufgefallen. Der hat von Natur aus alles richtig gemacht, aber ohne die technischen Werkzeuge zu haben. Dann habe ich ihn aus Blödsinn mal gefragt: ‚Wer bringt dir denn die Sportart bei?‘. Und Dirk meinte nur: ‚Eigentlich niemand.‘“ Bekanntermaßen folgte darauf eine beispiellose Erfolgsgeschichte.

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Genau wie sein Schützling Dirk Nowitzki spielte auch Holger Geschwindner lange für die deutsche Nationalmannschaft (Foto: Getty Images).

Geschwindner wusste schon ­damals: „Wenn du es ganz nach oben schaffen willst, musst du etwas anders machen. Du musst Dinge können, die die anderen nicht können.“ Der eigenwillige Förderer und sein Schützling machten es wirklich ganz anders. Rudern, Fechten, ­Boxen und Schach standen auf dem Trainingsprogramm. Beim Basketball wurde Jazz gespielt und mit dem Ball rhythmisch zur Musik getanzt. Das schulte nicht nur den Körper, sondern auch den Geist. Zudem sollte Dirk naturwissenschaftliche Bücher lesen und Saxofon spielen.
„Ich konnte einfach nicht verstehen, was sie da machen. Und vor allem: warum sie es machen“, zeigte sich Nowitzkis langjähriger Teamkollege Michael Finley von den zunächst fragwürdig anmutenden Trainingseinheiten verwirrt. „Aber wenn man sich mal mit Holger und Dirk darüber unterhält, versteht man die Bedeutung jeder einzelnen Bewegung.“

Der Professor und sein Lehrling

Auch die Mathematik und Physik fanden ihren Einfluss. Im „Institut für angewandten Unfug“ tüftelte der „Professor“ am perfekten Wurf. Abwurfwinkel, Armlänge, Fußstellung, Abwurfgeschwindigkeit, Einfallwinkel – wirklich alles wurde bis ins kleinste Detail eruiert. Sogar ein Computerprogramm entstand, auf dem man alle Zahlen und Fakten für einen perfekten Wurf einsehen konnte. Typisch Geschwindner: Nicht nur erforschte er den perfekten Wurf auf der Erde, sondern auch auf dem Mond, der Sonne oder dem Mars.

Das eigenartige Training zeigte beim langen Blonden schnell Wirkung: „Komischerweise hat das bei mir sofort angeschlagen. Dass, was der alte Mann da erzählte, machte sogar Sinn – und dazu haben wir uns auch noch super verstanden.“

Die einzigartige Beziehung ­endet nicht auf dem Basketballcourt, ­Geschwindner ist für Nowitzki stets fester Halt. Auf wie neben dem Parkett, in guten wie in schlechten Zeiten. Als Dirk 2009 von der Heiratsschwindlerin Cristal Taylor betrogen wird, schnappt sich „Hodge“ seinen am Boden zerstörten Schützling. Sie reisen wochenlang mit einem Jeep durch Australien und Neuseeland. Zelten, abends Feuer machen, einfach mal raus aus dem Alltag, weg vom Basketball – auch das konnten die beiden. „Sie haben eine unglaubliche Beziehung. Sie kennen sich so gut, sie verstehen sich ohne Worte. Im Schwedischen nennen wir das ­Telepathie. Vielleicht haben sie einfach ihre eigene Sprache, wer weiß“, lacht Nowitzkis Ehefrau Jessica.

Es ist eine Geschichte, die sich fast zu schön anhört, um wahr zu sein. Das ungleiche Duo hat es allen Kritikern gezeigt und es mit teils irrwitzigen Methoden bis ganz nach oben geschafft. Über die ­Erfolge ist bereits alles gesagt, doch mindestens genauso wertvoll ist die Freundschaft, die für immer bleiben wird. „So einem Menschen wie Holger Geschwindner begegnet man nur ein Mal im Leben“, schmunzelt der beste Maverick aller Zeiten.

Autor: Florian Rettich

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