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BASKET

Der nächste KD?

Michael Porter Jr. ist angekommen. Spätestens seit der Verletzung von Jamal Murray zeigt der 23-Jährige, dass er schon bald einer der besten Scorer der gesamten Liga sein könnte. Mit welcher Brillanz und Konstanz er seinen Jumper versenkt, ist beängstigend – und erinnert stark an einen der besten Scorer, den die NBA je gesehen hat…

Michael Porter Jr. wurde 2018 an 14. Stelle gedraftet. (Foto: Getty)

Den Abend des 21. Juni 2018 hatte sich Michael Porter Jr. anders vorgestellt. Jahrelang galt der hochtalentierte Small Forward als der verheißungsvollste Youngster aus dem Talentepool des 2018er Draftjahrgangs. MVP des berühmt-berüchtigten McDonald´s All-American Games, Teilnehmer des Nike Hoop Summit und Gewinner der Highschool State Championship mit einer tadellosen 29:0-Bilanz in seinem finalen Schuljahr: Die Trophäensammlung im Hause Porter war schon früh reichlich gefüllt und der Karriereweg quasi vorprogrammiert. Ein Jahr ans College und dann als Number-One-Pick direkt in die NBA – so der ursprüngliche Plan.

Doch eine Verletzung macht dem Jungstar einen Strich durch die Rechnung. Aufgrund eines Bandscheibenvorfalls endet seine College-Karriere früh. Gerade mal 53 Minuten steht Porter für die Missouri Tigers auf dem Court. Den Rest der Saison muss er verletzt auf der Bank Platz nehmen und dabei zusehen wie seine Draftprognose von Spiel zu Spiel sinkt. Zu Saisonbeginn noch auf Position eins der meisten Draftboards geführt, findet sich Porter in den finalen Mock-Drafts nur noch zwischen den Plätzen fünf bis zehn wieder. Ein bitterer Rückschlag, doch der damals 19-Jährige entscheidet sich trotzdem für den Weg in die NBA und gegen ein weiteres Jahr am College.

Sein Talent reicht zweifelsohne für eine Auswahl unter den Top-Drei des Drafts, doch die langwierige Rückenverletzung ist für viele Franchises eine rote Flagge. Der Teamarzt der Los Angeles Clippers stellt gar die Diagnose, dass Michael Porter Jr. nie wieder Basketball spielen wird. Das Risiko, dass der Missouri Tiger niemals einen NBA-Court betritt, ist für viele Organisationen größer, als die Chance, dass er zum absoluten Superstar aufsteigt.

Langes Warten in der Draft-Nacht

Und so sieht Michael Porter Jr. am Abend des 21. Juni 2018 Pick für Pick vorrübergehen, ohne dass sein Name auf dem Draftboard erscheint. Dass DeAndre Ayton, Luka Doncic und Trae Young vor ihm ausgewählt würden, war aufgrund der angesprochenen Rückenverletzung absehbar. Doch spätestens als die New York Knicks an neunter Stelle Kevin Knox wählen, kommt Unruhe am Tisch der Familie Porter auf. War die Anmeldung zum Draft möglicherweise doch die falsche Entscheidung? Die Clippers lassen wenig später gleich zweimal hintereinander die Chance, Porter zu draften, verstreichen. Keine Überraschung, nach der erschreckenden Diagnose des Teamarztes.

„Es war eine brutal schwierige Entscheidung“, gibt der damalige Clippers-Headcoach Doc Rivers im Nachhinein zu Protokoll. „Jeder wusste was für ein einzigartiges Talent er ist, aber die Sorgen um seinen Gesundheitszustand waren einfach zu groß.“ Anschließend wird „MPJ“ an vierzehnter Stelle von den Denver Nuggets endlich erlöst. Eine Entscheidung in letzter Sekunde, denn Denver hatte ursprünglich nie geplant den Forward aus Missouri in die Rocky Mountains zu holen. „Ehrlich gesagt waren die Nuggets so ziemlich das letzte Team, von dem ich dachte, dass sie mich draften“, gibt Porter anschließend überrascht zu. „Ich habe im Draftprozess mit jedem Team gesprochen außer mit den Nuggets.“

Das ein Michael Porter Jr. an Position 14 noch zu haben ist, hatte man in Denver niemals für möglich gehalten. General Manager Tim Connelly gibt später sogar zu, die Möglichkeit Porter zu draften überhaupt nicht in Erwägung gezogen zu haben. Doch die mutige Entscheidung erweist sich bereits drei Jahre später als absoluter Glücksgriff. Nachdem Porter im ersten Jahr noch pausieren muss, zeigt er im zweiten Jahr bereits sein riesiges Potenzial und startete in dieser Spielzeit so richtig durch: Fast 20 Punkte pro Spiel bei absurd effizienten Wurfquoten von 54 Prozent aus dem Feld und 44,5 Prozent von jenseits der Dreipunktelinie.

In illustrer Gesellschaft

Eine derartige Effizienz ist für einen Spieler in Porters Alter eine absolute Seltenheit. Er ist der erst sechste Spieler in der Geschichte der NBA, der bei mindestens sechs Dreierversuchen pro Spiel eine Wurfquote von über 44 Prozent vorweisen kann. Die Weiteren? Steph Curry, Klay Thompson, J.J. Redick, Duncan Robinson und Peja Stojakovic. Keine schlechte Gesellschaft für einen 22-Jährigen in seiner erst zweiten NBA-Saison! Insbesondere nach Murrays Kreuzbandriss legte „MPJ“ kurz vor Saisonende nochmal einen obendrauf. Nach der Verletzung ihres Leistungsträgers setzten die Nuggets auf Porter als zweites Zugpferd neben Jokic.

Die neue Rolle nahm er wie selbstverständlich an und schraubt seinen Scoring-Average weiter nach oben (24,4 PPS). Seiner Effizienz tut das allerdings keinen Abbruch – im Gegenteil. Aus dem Feld traf er weiterhin überdurchschnittlich gut (56% FG) und von der Dreierlinie sogar fast die Hälfte seiner Würfe (49%)! Und das, obwohl er ohne Murray nun voll im Fokus der gegnerischen Defense stand. Anstatt ohne ihren Star-Guard in eine Formkrise zu verfallen, gewannen die Nuggets zwölf ihrer letzten 16 Saisonspiele und sicherten sich damit den dritten Platz im hart umkämpften Westen. Ein Erfolg, an dem Porter Jr. großen Anteil hat. Es zeigt, welch ein außergewöhnlicher Spieler er heute schon ist und vielmehr in Zukunft noch werden kann.

Sharpshooter mit Gardemaß

Mit seinen 2,08 Meter ist „MPJ“ ein begnadeter Scorer, der seinen Wurf über nahezu jeden Verteidiger abfeuern kann. Insbesondere die Körpergröße macht dabei den Unterschied aus. Ein 2,08 Meter großer Small Forward ist selbst in einer Liga athletischer Ausnahmekönner eine Rarität. Porter ist damit exakt gleich groß wie Andre Drummond, Dwight Howard oder auch Anthony Davis. Der große Unterschied: Seine Sharpshooterqualitäten. Er besitzt die Wurfqualitäten eines Guards und die Maße eines Centers, ist somit ein klassischer Matchup-Albtraum. Guards sind zu klein, um Porters Wurf effektiv zu verteidigen, große Forwards und Center hingegen zu unbeweglich, um ihn am Drive zu hindern. Kommt einem irgendwie bekannt vor…

Sucht man nach Vergleichen für Michael Porter Jr., führt an einem Mann kein Weg vorbei. Einem der besten Scorer aller Zeiten, der in Oklahoma City MVP wurde, mit den Golden State Warriors zwei Meisterschaften gewann und nun für die Brookyln Nets auf Titeljagd geht: Kevin Durant. Die Ähnlichkeiten mit dem zweifachen Finals-MVP sind unübersehbar. Durant, nach offiziellen Angaben ebenfalls genau 2,08 Meter groß gewachsen, schafft es wie kein Zweiter aus nahezu jedem Match-Up ein Missmatch zu kreieren. Seine perfekten physischen Voraussetzungen, gepaart mit den optimalen Fähigkeiten auf dem Court, machen den Unterschied aus. „You can’t teach size“, sagen die Amerikaner – und sie haben Recht. Spieler mit dem Körperbau und dem Skillset eines KD kommen nur alle paar Generationen in die Liga. Michael Porter Jr. hat alle Voraussetzungen, um einer dieser besonderen Spieler zu werden.

The Sky is the Limit

Das vielleicht beeindruckendste ist, dass der Hoffnungsträger der Nuggets noch weit davon entfernt ist, sein volles Potenzial auszuschöpfen. Anders als Kevin Durant in jungen Jahren, agiert Porter quasi als reiner Spot-Up-Shooter und Cutter mit gutem Timing in der fein geölten Jokic-Pass-Maschinerie. Spielzüge aus dem Pick-and-Roll, Iso-Plays oder Post-Ups findet man bei Porter kaum. Der No-Name Forward der Oklahoma City Thunder, Isaiah Roby, erhielt beispielsweise über die Saison hinweg mehr Isolation-Plays und dem nur sporadisch eingesetzten Frank Ntilikina von den New York Knicks wurden mehr Pick-and-Rolls anvertraut als dem hochtalentierten „MPJ“.

Trotzdem erzielt der Youngster bereits fast 20 Punkte pro Spiel. Man kann sich denken, in welche Richtung sich seine Stats entwickeln werden, wenn die Denver Nuggets sich erstmal dazu entscheiden ihm größere Teile der offensiven Verantwortung zu überlassen. Mit dem Trio Jokic, Murray und Porter hat man in Denver die vielleicht gefährlichste Big Three für die nächsten fünf bis zehn Jahre der gesamten Liga. Besonders die Wildcard Porter könnte die Nuggets vom Contender zum waschechten Championship-Aspiranten emporheben.

Eine einmalige Chance für die Franchise aus Colorado. Und das alles nur dank dem 18. Juni 2018, dem Tag an dem Denver ein potentieller Number-One-Pick an vierzehnter Stelle in die Arme fiel – dem Clippers-Teamarzt sei Dank. Die Vorhersage, dass Porter möglicherweise nie mehr auf einem Basketballcourt stehen würde, hat sich längst als fundamentaler Irrtum herausgestellt. Die Chancen, dass sich der 23-Jährige zu einem der besten Scorer der Liga entwickelt sind dafür größer denn je.