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BASKET

Rassismus in Boston

Und was passiert nach dem Spiel? Eine Stadt lebt mit Schere im Kopf…

Boston hatte den großen Bill Russell. Später Kevin Garnett. Auch heute bestimmen afroamerikanische Topspieler das Spiel der Celtics. In einer Stadt, die zum Thema Rassismus auch unrühmliche Geschichten geschrieben hat.

Es ist bereits eine Zeit lang her …

Für Marcus Smart, den Guard der Boston Celtics, ist es eine Autofahrt wie jede andere auch nach einem normalen Heimspiel seines Teams in der Saison 2016/17. Doch dann kommt es zu einer Situation, die sich tief in sein Herz einbrennen wird …

Alles beginnt, als eine Frau mit ihrem Auto vor einer Ampel stoppt. Der Wagen hält etwas zu mittig auf der viel befahrenen Straße vor dem „TD Garden“, der Heimspielstätte der Celtics; auf der Rückbank sitzt ihr kleiner Sohn. Auch Marcus Smart hält. Er hat Zeit; doch weil die Ampel vor ihm schon längst Grün zeigt und die Frau immer noch nicht losfährt, macht er das, was jeder Amerikaner an seiner Stelle getan hätte: Er hupt. „Ich habe aus dem Fenster gerufen, dass sie doch bitte losfahren oder die Straße freimachen solle, bevor sie oder ihr Sohn von einem anderen Auto angefahren würden“, erinnert sich Smart. Er fährt fort: „Unmittelbar, nachdem ich das gesagt habe, schaut mich die Frau in ihrem Celtics-Jersey mit der Nummer 4 und beginnt, mich zu beschimpfen: „F… dich, du verf…ter N…!“ Marcus Smart schweigt verblüfft, aber Fußgänger springen ihm zur Seite. „Auch die Leute, die das Ganze mitbekommen haben, waren absolut geschockt. Aber dann riefen sie: ,Das ist Marcus Smart. Du hast dir gerade das Spiel angeguckt und ihn angefeuert, Ma‘m, … in einem Isaiah-Thomas-Shirt!‘“

Okay, es mag nicht fair sein, die Geschichte so zu beginnen, aber Boston hatte schon damals – und auch schon lange vorher – den unschönen Ruf, die Großstadt in den USA zu sein, in der Afroamerikaner am wenigsten willkommen seien.

Und kein Foto steht mehr für dieses Problem als ein schwarz-weiß- Bild von den Straßenkämpfen des Jahres 1976, auf dem zu sehen ist, wie ein weißer Mann einen Afroamerikaner mit dem spitzen Ende einer Fahnenstange des „Star Spangled Banner“ attackiert. Ausgang der Proteste war seinerzeit die Anweisung, dass öffentliche Schulen die Rassentrennung aufheben müssten und viele Schüler auf Schulen verteilt werden sollten, die nicht mehr in Schwarz und Weiß trennen würden.

Rund vier Jahrzehnte nach diesen Protesten enthüllt dann eine landesweite Umfrage der Tageszeitung „Boston Globe“, dass Boston für Farbige die schlechteste von acht untersuchten Großstädten in den USA sei.

Da aber steht es schon längst mies um den Ruf der Stadt, in der 53 Prozent der Bevölkerung weiß und 25 Prozent Afroamerikaner sind. Speziell Auseinandersetzungen zwischen Bostoner Fans und auswärtigen schwarzen Spielern hatten „Beantown“ geschadet. Vorfälle wie der mit P.K. Subban, einem Eishockeyspieler der Montreal Canadiens, der 2014 einer Kampagne von üblen rassistischen Tweets ausgesetzt war, nachdem er den Siegtreffer gegen die heimischen Boston Bruins erzielt hatte. 2017 traf es Adam Jones vom Baseball-Team Baltimore Orioles, der in einem Spiel von Bostoner Fans mit dem „N-Wort“ beschimpft und mit Erdnüssen beworfen wurde. Und eines der letzten prominenten Opfer aus dem Sport war dann DeMarcus Cousins, Center der Golden State Warriors, der 2019 öffentlich von einem Celtics-Fan mit rassistischen Schimpfworten verunglimpft wurde – immerhin gab es dafür zwei Jahre Hallenverbot im „TD Garden“.

Er liebe es trotzdem, für die Celtics zu spielen, sagt der 26-jährige Marcus Smart.

2014 wurde der Guard gedraftet, inzwischen ist er der Spieler mit den meisten Jahren im Boston-Trikot. Ein knüppelharter Verteidiger, die „Seele“ der Celtics, der auf dem Court seine Franchise und abseits davon Boston verteidigt: „Ich habe Rassismus im ganzen Land erlebt.“

Andere Spieler, die das Celtics-Grün getragen haben, stimmen ihm zu. Sie finden es sogar unfair, die Hauptstadt von Massachusetts als besonders rassistisch hervorzuheben. Marcus Smart aber ist trotzdem nachdenklich, weil er registriert, dass manche Fans die Spieler „bejubeln – und kurze Zeit später muss man sich dann schon was anhören“. Dann fühle man „mehr Enttäuschung als Schmerz“, sagt er. „Mir ging es mehr so: ,Mist, dieser Sch… passiert wirklich!‘ Da spiele ich für diese Fans, diese Stadt, und es passiert trotzdem.“

In den frühen Zeiten ist Boston der Vorreiter gewesen für ein Miteinander von Schwarz und Weiß

Dabei waren die Boston Celtics jahrzehntelang eines der fortschrittlichsten Teams im gesamten US-Sport gewesen, in der NBA durchbrachen sie schon früh erste Barrieren, die zwischen Schwarz und Weiß wie zementiert wirkten. Auch deshalb sind sie zu einer Legende geworden, heißt es. „Die Celtics stehen wie keine andere Organisation für den Glauben und die Verkörperung von Respekt gegenüber allen Menschen und dem Brechen von Rassebarrieren“, stellt Celtics-Besitzer Wyc Grousbeck (58) heraus. „Die Celtics waren die erste Franchise, die diese Barrieren durchbrochen hat – und sind es bis heute, wenn es darum geht, Toleranz, Verständnis und Respekt zu leben.“

Tatsächlich?

Die Website „The Undefeated“ hat über dreißig ehemalige und aktuelle Celtics-Spieler sowie deren Angehörige über ihre Erfahrungen als Afroamerikaner in Boston befragt. Das Ergebnis: Rassismus gibt es immer noch in Boston, genauso wie in anderen Teilen der Welt. Die Geschichten der Spieler zeigen aber auch, dass sich für farbige Basketballer das Leben bei den Celtics im Laufe der Jahre stark gewandelt hat. „Bevor du nach Boston wechselst, hörst und denkst du nur, dass es in eine rassistische Stadt geht“, erinnert sich Kevin Garnett (43), der im Jahr 2007 zu den Celtics wechselte und diese dann 2008 zur Meisterschaft führte. „Aber wenn du erst einmal ein Celtic geworden bist, hat sich deine Perspektive stark verändert“, bekennt Garnett, für den Boston dann doch irgendwie ein Zuhause geworden ist.

Aber es ist der Basketball in Boston, der die Grenzen bricht

Also bleibt es dabei, dass die Boston Celtics mehr Rassengrenzen gestürmt haben als jedes andere Profiteam im US-Sport. Selbst mehr als die legendären Brooklyn (jetzt L.A.) Dodgers mit Jackie Robinson? Cedric „Cornbread“ Maxwell (64), Ex-Spieler der Celtics, zögert einen Moment mit der Antwort. „Wenn man heute einen x-beliebigen NBA-Spieler fragen würde, wer denn die Franchise sei, die den ersten farbigen NBA-Spieler gedraftet hat, dann würden wohl die wenigsten sagen: Na klar, die Celtics“, erklärt Maxwell, der heute also Radio-Kommentator für die Franchise arbeitet. Und er erinnert an einen gewissen Chuck Cooper, der 1950 als erster Afroamerikaner gedraftet wurde – an 14. Stelle vom damaligen Celtics-Besitzer Walter Brown.

Die Story hinter dem Deal: Brown wurde wohl nach seinem Pick recht uncharmant darauf hingewiesen, dass dieser Cooper ein „Ne…er“ und deshalb gar nicht in der NBA spielberechtigt sei. Worauf der Celtics-Boss trocken gekontert haben soll, es sei ihm egal, ob Cooper ein „Polka Dot“ sei, so lange er „Game“ habe. 69 Jahre später wird Chuck Cooper, der ehemalige Star der Celtics und der Duquesne-Universität, posthum in die Hall of Fame aufgenommen.

Und irgendwann kommt ein Afroamerikaner mit Namen Bill Russell in die Liga

Dennoch dauert es noch bis 1956, bis der erste echte Star mit dunkler Hautfarbe in der NBA auftaucht, geholt als Pick No. 2; und es sind erneut die Celtics, die den jungen Bill Russell verpflichten.

Was aber seinerzeit am meisten überrascht: Coaching-Legende Red Auerbach und die Celtics traden mit Cliff Hagan und Ed Macauley gleich zwei Hall-of-Famer, um sich den Pick für Russell zu sichern. Beide sind, wie die Namen vermuten lassen, weiß, und „hinter vorgehaltener Hand hat man sich damals über Red schlapp gelacht, weil man dachte, er habe einen unglaublichen Fehler gemacht“, erinnert sich Tom „Satch“ Sanders (81), der als Forward mit den Celtics acht Meisterschaften gewonnen hat. Der „Fehler“ bringt den Celtics elf Championships; Russell gilt heute bei vielen Experten als der wohl beste Verteidiger, der je einen Basketball-Court betreten hat.

Die Celtics bleiben weiterhin bei ihrer Linie und setzen auch den nächsten Meilenstein der NBA-Geschichte in Sachen schwarze Spieler: Am zweiten Weihnachtstag 1964 stehen mit Russell, Sanders, K.C. Jones, Sam Jones und Willie Naulls zum ersten Mal in der Geschichte der Liga fünf Afroamerikaner in den Starting Five eines NBA-Teams. Die Celtics gewinnen das Spiel gegen die St. Louis Hawks mit 97:84; auch in weiteren zwölf Spielen der Saison startet das Team mit diesem Line-Up.

Der erste schwarze Headcoach sitzt später auch bei den Celtics auf der Bank, als nämlich der Spieler Bill Russell den Coach Red Auerbach ablöst, um nun als eine Art Spielertrainer zu fungieren. Russell gewinnt so 162 Spiele (bei 83 Niederlagen) und zwei seiner insgesamt elf Titel. „Die Celtics waren es, die die Tür Rassismus eingetreten haben, bevor andere Teams überhaupt nur an das Öffnen gedacht haben“, sagt Radio-Mann Maxwell.

Die Bostoner und ihre Celtics sprechen in zwei Sprachen. Auch zu Bill Russell

Nur, in der Stadt kommen die Spieler deutlich weniger gut an als im Team, Bill Russell selbst hat Boston in seiner 1979 erschienenen Biographie „Second Wind“ als einen „Flohmarkt des Rassismus“ bezeichnet. „Es gab eine ganze Vielzahl von Rassisten“, schreibt Russell. Alte und junge, langjährige und neue. „Und alle in ihrer widerlichsten Form.“ Es habe diese korrupten Rassisten im Rathaus gegeben, dann diese Steine werfenden, Schickt-sie-zurück-nach-Afrika-Rassisten und rund um die Universitäten diese falschen radikalen Rassisten. „Aber abgesehen davon mochte ich die Stadt.“

Wirklich? Russell, der ursprünglich aus Oakland kam, die University of San Francisco besucht hatte, wird nämlich trotz seiner sportlichen Klasse weiterhin regelmäßig von Fans beschimpft; später heißt es, er habe sich nie wirklich willkommen gefühlt während seiner aktiven Zeit. Unrühmlicher Tiefpunkt: Als Bill Russell auf einer Einladung in einem Country Club in Boston für seine Erfolge gefeiert wird, verwüsten Rassisten sein Haus im Bostoner Vorort. Seiner Tochter Karen K. Russell beschreibt später das Haus in einer Story für die „New York Times“ als „völlig verwüstet. Überall war das ,N-Wort‘ an die Wände gesprüht, Bier auf dem Billardtisch ausgekippt, Trophäen zerstört. Und mehrere Stellen, inklusive des Bettes, waren als Toilette benutzt worden“.

Bill Russell, der seinen Mitspielern zufolge fix und fertig gewesen sei, wird mehr und mehr unversöhnlich. „Die Dinge, die Bill in Boston durchmachen musste, haben ihn zu einem sehr wütenden Mann gemacht“, erinnert sich Russells ehemaliger Mitspieler Tom „Satch“ Sanders.

Und als die Celtics am 13. März 1972 Russells Trikot mit der Nummer 6 in den Hallenhimmel ziehen, sind nur einige Freunde und Ex-Kollegen von Bill dabei – und das lange, bevor die Türen des „Garden“ für Fans zum Spiel gegen New York geöffnet wurden. Auf die Frage der Reporter, warum die Zeremonie nicht für die Öffentlichkeit zugänglich sei, antwortet Russell (heute 86) damals: „Ihr wisst doch, dass mich so was nicht interessiert.“ In Wirklichkeit aber ist es die Enttäuschung darüber gewesen, dass man ihm nie den Respekt und die Zuneigung entgegengebracht hat, die er sich mit seinen elf Titeln verdient hätte. Und das allein aufgrund seiner Hautfarbe!

Russells damaliger Mitspieler Tom Sanders erinnert sich, dass „Bill mal meinte, dass Boston die rassistischste Stadt sei, in der eh je war“. In den 60ern und 70ern sei es für den Celtics-Center sogar schwer gewesen, ein Taxi an der Straße anzuhalten, ganz zu schweigen von der Wohnungssuche in der Stadt.

Nach Boston kommt 1969 der junge Guard Henry „JoJo“ White, er soll das Team mit dem „alten“ Celtic Sanders (1960-1973) und ohne Russell (Karriereende) verstärken. Dessen Witwe Deborah White erinnert sich, wie auch ihr Mann dem alltäglichen Rassismus in Boston ausgesetzt war, den schon Sanders und Russell erlebten. An schlimme Szenen wie jene mit dem brennenden Kreuz, das mal in ihrem Vorgarten gestanden habe. „Die Dinge waren anders damals, sie waren schwierig und wirklich hart für die Spieler“, erzählt Deborah White. „Aber sie waren Pioniere und haben den Weg geebnet für die Don Chaneys, die Paul Pierces, Kevin Garnetts, Kyrie Irvings und Jayson Tatums.“

Das Boston von damals war außerhalb des „TD Garden“ keine tolerante Stadt

Damals hat es auch nicht viele Orte in Boston gegeben, wo Afroamerikaner ungestört, sicher und unter sich sein konnten. Auch Tom Sanders erinnert sich an die wenigen Möglichkeiten während seiner aktiven Zeit, wenn man vor Ort die Nähe zur „Black Community“ gesucht habe. „Es gab ein paar Restaurants in Dorchester und Roxbury, klar, die waren aber auch bekannt als afroamerikanische Viertel in Boston.“ Sanders hat es deshalb immer vorgezogen, die Stadt zu verlassen. „Ich war genau 212,4 Meilen von New York City entfernt“, schmunzelt er. „Es gab Zeiten, da war das Training um zwölf Uhr mittags beendet. Nachdem ich das Fahren gelernt und mir ein Auto zulegt hatte, bin in meine Karre gesprungen und schnurstracks nach NYC gefahren. Und erst am nächsten Morgen zurückgekommen.“

Seit den 30er-Jahren ist das bekannteste, von Schwarzen geführte Restaurant mit Nähe zu den Celtics der „Slade’s Bar and Grill“ im Lower-Roxbury-Viertel von Boston. Bill Russell selbst ist es gewesen, der in den 60ern eine Zeit lang Besitzer war; heute gehört es Terry Calloway und Darryl Settles, beide Afroamerikaner, und Leo Papile; Leo ist der Director of Basketball Operations der Boston Celtic und ein Weißer.

Zum Soul-Food-Restaurant, das in Boston eher unter seinem Spitznamen „The Soul of Boston“ läuft, gehört auch ein Nachtclub, der bekannt ist für R‘n‘B und Hip-Hop. Hier sind schon berühmte Männer wie Muhammad Ali, Martin Luther King Jr., Malcom X, Joe Louis und Präsident Franklin D. Roosevelt zu Gast gewesen. Noch heute suchen ehemalige und aktuelle Celtics und Spieler anderer NBA-Teams gern nach einem Platz im „Slade“. Aber das „Slade“ ist schon immer eine Ausnahme gewesen: erfolgreich, ja, aber erfolgreich auch nur in einer „schwarzen“ Gegend.

Als zum Beispiel Tom Sanders 1976, als erster Afroamerikaner, ein Lokal in der berühmten Newbury Street eröffnen will, schlägt ihm offener Rassismus entgegen. „Es gab einfach keine schwarzen Geschäfte im Zentrum“, erinnert er sich. „Das war eines der größten Probleme, und ich wollte einfach dafür sorgen, dass es endlich eins gibt.“ Um die Eröffnung zu verhindern, verteilen damals Unbekannte in der gesamten Stadt Flyer, auf „denen stand, dass ein Tom Sanders aus Roxbury ein Restaurant in der Newbury Street eröffnen will“. Kein Wort darüber, dass er für die Celtics gespielt habe oder Coach an der renommierten Harvard University sei. „Es wurde bewusst Tom Sanders geschrieben, nicht Tom ,Satch‘ Sanders. Damit nur niemand erkennen würde, wer das denn sei. Man wollte nur klarstellen: Das ist ein Schwarzer.“

Am Ende hat Tom Sanders sein Restaurant doch eröffnet, aber eben nicht auf der berühmten Newbury Street: das „The Green Gang“. Sanders wird Gründer, Besitzer und Gesch.ftsführer des Clubs, lässt hier von 1979 bis 1984 Essen servieren und Celtics-Spiele zeigen. „Ich hatte eine Band im Speiseraum, oben eine Disco und nebenan noch eine Jazz-Lounge“, erinnert sich der heute 81-Jährige. „Mann, es war einfach paradiesisch.“

Boston ist trotz der Rassenprobleme ein „Melting Pot“ aus Nationalitäten und Hautfarben

Fletcher Wiley und seine Frau Benaree leben seit mehr als fünf Jahrzehnten in Boston, sie halten „Beantown“ schlicht für eine Stadt von Weißen und für Weiße. Denn beide haben am eigenen Leib erfahren, wie schwer es der Stadt Boston fällt, mit Rassenfragen umzugehen. Trotz aller Fortschritte. „In den 70ern waren Rassenprobleme immer gut sichtbar, viele Menschen haben sich da überhaupt nicht in gewisse Viertel getraut. Man war sich der Unterschiede zwischen den Rassen sehr bewusst, wenn auch oft nur unterschwellig“, erzählt Anwalt und Aktivist Wiley (77). „Das hat sich im Laufe unseres Lebens aber dramatisch verbessert. Die klaren Grenzen zwischen den Vierteln gibt es nicht mehr, damals haben sich die Leute nicht getraut, von einem in ein anderes Viertel zu gehen. Und die

Menschen sind auch freundlicher geworden. Sie versuchen wirklich, die Dinge zu verbessern.“

Auch bei den Celtics sind zuletzt einige Spieler geradezu überrascht über der Mischung der Völker in Boston-Stadt, in der sich zum Beispiel viele Einwanderer von den Kapverdischen Inseln (sie liegen vor der Westküste Afrikas, etwa auf Höhe des Senegals) niedergelassen haben. Deshalb hat sich seinerzeit Al Horford (33), ein Celtic bis 2019, sofort zu Hause gefühlt in Boston, wo eine große Community aus seiner Heimat, der Dominikanischen Republik, heimisch geworden ist. „Wir haben das klar als ein Plus angesehen“, erinnert sich der heutige Power Forward der Philadelphia 76ers.

Okay, in der Newbury Street hat es gedauert mit Offenheit, aber am Ende konnten Afroamerikaner auch der „Weißen Straße“ einen eigenen Stempel aufdrücken. Wie Patrick Petty, der schon in den 90ern einen angesagten Klamottenladen mit Namen „Culture Shock“ eröffnet hat. Der Musik-Größen wie Toni Braxton, Boyz II Men, Naugthy by Nature, Tony Toni Tone und New Kids on the Block, aber auch Athleten wie Dominique Wilkins und Patriots-Star Lawyer Milloy eingekleidet hat. Wie Shellee Mendes, die 2002 als erste afroamerikanische Frau auf der Newbury Street einen Frisörladen eröffnete und die heute zwei in der Straße führt, zudem eine Dauerkarte für die Celtics besitzt. „Ich finde, es hat schon etwas Magisches, hier auf der Newbury Street eine schwarze Businessfrau

zu sein“, schwärmt sie. „Das hat es nie zuvor gegeben; und ich spüre einfach, dass ich hier hingehöre.“

In den 80ern, als die weißen All Stars Larry Bird und Kevin McHale die Aushängeschilder der Franchise waren, flackert in Sachen Basketball sogar eine Art öffentliches Selbstbewusstsein auf unter den Afroamerikanern. Plötzlich machen deftige Witze über die Celtics die Runde. In „Do the right thing“, einem Film von Top-Regisseur und Basketball-Fan Spike Lee, muss sich ein Weißer im Larry-Bird-Trikot mitten in Brooklyn von einer Gruppe Afroamerikaner einige harte Sprüche anhören. Und Comedian Robin Harris verbreitet immer wieder genüsslich Diskussionen aus Barbershops, ob nicht Larry Bird völlig überbewertet sei, weil „Larry Legend“ ja „nur einen Jumpshot“ habe, aber das sei halt alles, „was er braucht!“.

Es ist ein schwerer Weg, den Boston und die Celtics gehen müssen

Doch während Boston noch zu zögern scheint, führen auf der Westseite der USA ein charismatischer und extrovertierter Earvin „Magic“ Johnson und der muslimische Center Kareem Abdul-Jabbar mit den Los Angeles Lakers die spektakulärste Show in Amerikas Arenen auf. Es entwickelt sich ein schwarzer Gegenentwurf zu den weißen Celtics. „Viele vorverurteilten schnell, dass die Celtics eigentlich rassistisch sein müssten“, glaubt Celtics-Legende Tom Heinsohn (85). „Vielleicht, weil sie Bird und McHale hatten. Aber wer zum Teufel hätte die beiden nicht genommen? Und Danny Ainge noch dazu?“ Außerdem, in der Hochphase der Rivalität Celtics vs. Lakers spielen auch etliche schwarze Stars im Bostoner Team: Robert Parish, Cedric Maxwell, Dennis Johnson und M.L. Carr. Und mit K.C. Jones führt zeitweise ein schwarzer Coach das Team von der Seitenlinie aus.

Gleichwohl, es gilt in dieser Zeit als völlig untragbar, wenn sich ein Schwarzer außerhalb Bostons als Fan der Celtics bekennt.

Mehr noch, in den Augen von Ex-Celtic-Forward Cedric Maxwell (64) sollen schwarze Spieler zu dieser Zeit als Verräter gegolten haben, wenn sie für die Celtics spielten. „Der Großteil des Teams damals war schwarz“, erzählt Maxwell, der 1977 von den Celtics an 12. Stelle gedraftet worden war und ursprünglich auf keinen Fall nach Boston wollte, weil er sich eine etwas „vielschichtigere“ Stadt erhoffte. „Wir wurden durch die Bank alle als Verräter unserer Rasse abgestempelt. Aber gerade mit Typen wie mir, Robert Parish, M.L. Carr, Dennis Johnson, wir waren alles andere als Verräter. Wir haben uns wohlgefühlt als Schwarze, wir haben es geliebt. Wir waren stolz darauf, Schwarze zu sein. Aber wir haben halt in einer Stadt gespielt, die von allen als rassistisch angesehen wurde, egal, was war.“

Es bleibt ein langer Weg für die Stadt Boston, trotz der Celtics

Man schreibt das Jahr 1990, als DeCovan „Dee“ Brown zu den Celtics stößt – und gleich wieder weg will! Grund: Rassismus. Der Anlass: Brown und seine damalige Verlobte Jill Edmondson sind frisch gebackene Hausbesitzer in Boston, und beim Verlassen der nahe gelegenen Post werden beide von Polizisten angehalten. „Ich saß auf dem Parkplatz im Auto und war dabei Rechnungen zu bezahlen, mit dem Stift in der Hand“, erinnert sich der heute 51-Jährige. „Alles, was ich dann hörte, war: ,Hände hoch!‘“ Als ich aus dem Fenster guckte, standen da acht Cops, die ihren Waffen auf mich richteten. Ich hatte total Schiss, als ich hörte, wie sie schrien, ich solle die Waffe weglegen. Die dachten echt, mein Stift sei eine Knarre. Als ich ausstieg, haben sie es wieder gesagt, und ich meinte nur: ,Das ist keine Waffe, das ist ein Stift‘. Aber ich bin trotzdem mit dem Gesicht auf dem Boden gelandet, ihre Waffen an meinem Kopf.“

„Dee“ Brown ist starr vor Angst um sein Leben, bis ihn ein zufällig vorbeilaufender Fan erkennt. „Jemand lief vorbei. Sah, was abging, und meinte nur: ,Hey, der Typ wurde gerade von den Celtics gedraftet!’“, erzählt er. „Wenn der nichts gesagt hätte, dann wäre ich in Handschellen in den Knast marschiert.“ Übrigens, der Grund der Festnahme: Brown wurde verdächtigt, eine Woche zuvor eine Bank ausgeraubt zu haben, und ein Angestellter der Bank wollte Brown gesehen haben.

Kurze Zeit später sieht „Dee“ Brown ein Bild des echten Täters: ein Mann mit viel hellerer Haut. „Ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, die Stadt zu verlassen“, versichert Brown, der heute das G-League-Team der Los Angeles Clippers leitet. „Ich war mir sicher, dass ich an diesem Tag sterben würde, nach gerade mal drei Monaten in der Stadt. Es war hart! Aber witzig daran ist: Ich bin dann ins Stadtzentrum gezogen und hatte nie wieder irgendwelche Probleme.“

Auch Robert Parish fühlt sich damals durchaus wohl in Boston. Der Center aus Louisiana kommt schon 1980 in die Stadt, spielt dann bis 1994 für die Celtics. Ihn haben immer nur zwei Dinge gestört: die Kälte und der Schnee. „Abgesehen vom Wetter, war Boston eine tolle Stadt zum Leben und Spielen“, sagt Parish (66). „Ich habe niemals Rassismus am eigenen Leib gespürt. Nicht, dass es den nicht gegeben hätte, aber ich habe nie direkt darunter gelitten. Ich spreche nur darüber, wie Boston mich behandelt hat. Natürlich gibt es dort Rassismus. Ich glaube nur nicht, dass der extrem und offen ist. Rassismus gibt es überall.“

Cedric Maxwell, der mit Parish in dessen Anfangsjahren bei den Celtics zusammenspielt und noch immer in Boston lebt, stimmt zu: „Es gibt einfach sehr viele Menschen, die sagen, dass Boston ein Monopol auf Rassismus hat. Aber das ist totaler Quatsch, Rassismus gibt es in jeder großen Stadt.“

Trotz allem, trotz all der positiven Geschichten und Statements der ehemaligen Spielern – bis in die 2000er-Jahre hinein leben die Boston Celtics mit dem Problem, schwarze Spieler, genauer gesagt: Free Agents in die Stadt locken zu können. Bis, ja, bis Kevin Garnett kommt …

Als Kevin Garnett den Celtics ein neues Image verschafft

Glenn „Doc“ Rivers kennt die Vorurteile, als er 2004 in Boston aufschlägt, als Coach der neuer Celtics (er bleibt es bis 2013). Er weiß, es würde extrem schwer sein, per Free Agency ein Meisterteam aufzubauen. „Ich habe mir ernsthaft Gedanken gemacht über das Rassismus-Problem; dazu waren wir auch einfach schlecht“, gesteht der heute 58-Jährige. „Aber ,KG‘ hat das alles verändert.“

Es ist 2007, alle warten auf den Draft. Schon lange vorher hatte es zwischen den Boston Celtics und den Minnesota Timberwolves einen mehr oder weniger ausgehandelten Deal gegeben in Sachen Garnett. Nur, dann legt der 15-malige All Star sein Veto ein, weil er nach langen Jahren im kalten Minnesota lieber an die Westküste will, in ein wärmeres Klima. Auch hat er wenig Lust auf ein Celtics-Team, das gerade im Aufbau ist, er will Titel gewinnen. Sofort.

Deshalb sichern sich die Celtics den All-Star-Guard Ray Allen und einen Zweitrunden-Pick (Glen Davis) von den Seattle SuperSonics, im Tausch für Delonte West, Wally Szczerbiak und den fünften Pick (Jeff Green).

Paul Pierce, heute 42 Jahre und damals einer der Stars im Team, erinnert sich: „Boston ist nicht gerade der Ort, den Spieler oben auf der Wunschliste haben. Es war nie wirklich ein Ort, zu dem es Free Agents zog.“ Trotzdem sagt der zehnfache All Star der Celtic auch: „Man kann aber mit den Spielern sprechen, die hierhin getradet wurden und niemals davon geträumt hätten, hier zu landen – und alle werden positiv über Boston sprechen. Sie werden sagen, dass sie nie gedacht hätten, dass Boston so sei, wie es ist. Der Ruf ist: Es ist eine rassistische Stadt. Aber als Athlet sieht man das nicht wirklich.“

Als All Star Allen in Boston unterschrieben hat, signalisiert plötzlich auch Garnett sein neues Interesse. Und so schicken die Celtics die Spieler Al Jefferson, Ryan Gomes, Sebastian Telfair, Gerald Green und Theo Ratliff, dazu zwei Erstrunden-Picks und ein bisschen Geld nach Minnesota, um sich den drahtigen Forward zu sichern. „KG hat zwar erst mal klar nein gesagt“, erinnert sich Doc Rivers. „Aber als er Ray und Paul zusammen im Team sah …!“

Mehr noch, mit Garnett entsteht ein Trio, das die Celtics und damit auch diese oft verrufene Stadt in eine attraktive Anlaufstelle für titelhungrige – auch schwarze – Spieler verwandelt. „Man muss nur gucken, wen wir nach KG geholt haben“, erklärt Rivers. „James Posey, Eddie House, P.J. Brown, Sam Cassell, solche Jungs strömten regelrecht zu uns. Sie wollten unbedingt kommen. KG hat für uns die Tür geöffnet, er war der Wandel. Als ich den Job angenommen habe, meinte jeder, dass wir hier nicht einkaufen könnten. Das war alles, was ich gehört habe, die ganze Zeit. Als ich Boston verlassen habe, war ich wirklich stolz darauf, bewiesen zu haben, dass es doch geht. Wenn man die richtige Kultur und Umgebung schafft, dann würde jeder kommen …! Man hört nichts mehr über Rassismus im Bezug auf Boston.“ Und im Zentrum der Veränderungen steht immer: Garnett! „KG war einfach der Pate des Wandels.“

Und Kevin Garnett selbst? Auch er nimmt Boston an. Kritisch, aber offen. Er komme eben „aus dem Süden“, sagt der aus South Carolina stammende Garnett (43). „Ich bin Rassismus gewohnt. Ich bin gewohnt, damit umzugehen. Ich habe kein Problem, damit konfrontiert zu werden und meine Gefühle zu kontrollieren. In Boston waren die Menschen kein bisschen rassistisch mir gegenüber, sie waren eher wie: ,Oh Shit, The Big Ticket, kann ich ein Foto mit dir bekommen?‘ Schwarz, weiß, grün, lila – es war egal. Alle waren happy, alle wollten nur über das Spiel sprechen. Man musste ständig stoppen und quatschen, es war alles sehr ungezwungen, alles cool und offen. Du gibst High Fives, du machst Fotos. Die Fans haben gesehen, dass ich meine Seele auf dem Parkett gelassen haben für sie. Du bist wie ein Gott, und wenn du alles gibst, dann geben sie dir alles zurück.“

Wie sich Boston in den letzten Jahren gezeigt hat, lässt hoffen …

Es ist 2018, die Celtics haben gerade haushoch verloren gegen LeBron James und seine Cleveland Cavaliers. Aber an diesem Sonntag Nachmittag wartet eine große Zahl vornehmlich weißer Fans für mehr als eine Stunde, um einem Spieler die Ehre zu erweisen: Paul Pierce. Dessen Trikot mit der Nummer 34 soll nämlich an die Hallendecke des „TD Garden“ gezogen werden, hoch hinauf zu den Shirts von Legenden wie Bill Russell und Larry Bird.

„In keiner anderen Stadt hätte man das nach dem Spiel machen können und die Fans hätten gewartet“, ist sich Doc Rivers sicher. „Das Team verliert haushoch und trotzdem ist niemand gegangen. Die Arena war immer noch voll für Paul – Boston ist wirklich in jeder Hinsicht gewachsen.“

Die Celtics hatten Paul Pierce mit dem 10. Pick im 1998er-Draft nach Boston geholt, hier spielt er 15 Jahre lang, geht mit der Franchise durch dick und dünn; und Pierce registriert, wie ihn die Fans in den Jahren voller Niederlagen, nach der Messerattacke auf ihn in einem Nachtclub bis hin zur Meisterschaft 2008 unterstützen. „Man hat mich hier mit offenen Armen aufgenommen“, sagt er. „Die haben diesen jungen Typen gesehen, total unreif. Sie haben mich aufwachsen sehen. Sie haben meine schlechten Tage gesehen. Sie haben mich als einen der ihren aufgenommen, obwohl ich ausgerechnet aus Los Angeles stamme. Man hätte meinen können, ich sei aus Boston, so wie sie mich unterstützt haben.“

Auch „KG“ kennt das, natürlich. „Boston ist eine harte Stadt. Du musst echt Eier haben, um da zu überleben. Du musst das wollen. Die Fans wollen das für dich. Deswegen war Paul einfach wie gemacht für die Stadt: Er will den wichtigen Schuss nehmen – jedes Mal. Wenn er beispielsweise mal keinen seiner 14 Würfe getroffen hat, oder so, hat ihn das nie interessiert. Er meinte nur, dass er den wichtigen Schuss trotzdem machen wird.“

Tatsächlich haben die meisten Spieler der Celtics positive Erfahrungen mit den Boston-Fans gemacht. Speziell, wenn sie in den 1990er- und 2000er-Jahren hier gespielt haben. Speziell wenn sie in den Vororten nahe des Trainingszentrums in Waltham gelebt haben, das dann 2008 in die Innenstadt verlegt wurde. Speziell, wenn sie als Celtic bekannt waren. Und wenn sie mit dem Team erfolgreich waren. „Als wir eines der besseren Teams wurden, da war ich in der Stadt ein gemachter Mann“, erinnert sich auch Doc Rivers, heute Coach der L.A. Clippers.

Auch Ex-Celtic Rajon Rondo (34) hat sich seinerzeit hier wohl gefühlt, er schien 2006 willkommen zu sein in der Stadt, im Großen und Ganzen. Sein Bruder William nicht. Deshalb sagt Rajon Rondo, ein schwarzer Athlet würde, egal ob in Boston oder anderswo in den USA, besser behandelt als der normale Afroamerikaner, eben bevorzugt. Und Kendrick Perkins (35), der zuletzt 2010/11 in Boston gespielt hat, stimmt zu. „In acht Jahren in Boston hatte ich nicht ein einziges Mal ein Problem mit Rassismus“, berichtet der für sein knallhartes Spiel bekannte Center. „Ich sag nicht, dass es in Boston keinen Rassismus gibt, aber ich würde behaupten, dass du als Sportler in Boston von der Realität entfernt bist. Wenn ich ein ganz normaler Schwarzer in Boston gewesen wäre – ich weiß nicht, wie man auf mich reagiert hätte.“

Vielleicht so wie auf den Bruder von Avery Bradley (29), der von 2010 bis 2017 ein Celtic war. „Meine Familie und Freunde haben schon eine Menge Rassismus in Boston gespürt“, gesteht der heutige Lakers- Guard. „Wenn sie nicht mit mir zusammen unterwegs waren, dann mussten sie sich schon eine Menge anhören und erleben. Bei dem Eishockeyspiel wäre mein Bruder fast in eine Schlägerei geraten, weil Menschen einfach verrückt reagierten. Ich selbst habe es nie erlebt, aber jede Person, die ich kenne, schon!“

Weil auch das Trikot hilft! So verrät der ehemalige Forward der Celtics, Glen „Big Baby“ Davis (34), dass ihm die Fans immer dann „Liebe und Respekt entgegengebracht haben, wenn ich mein Celtics-Trikot trug. Aber wenn ich ausgegangen bin, dann habe ich schon auch den ein oder anderen rassistischen Spruch gehört. Es gibt Momente, da übertreibt es ein Fan einfach“. Und meist spielt dabei Alkohol eine Rolle. „Da sagt ein Fan dann zum Beispiel so etwas zu dir wie: ,Kannst du dunken, du großer Affe?“.

Wie die Boston Celtics weiter daran arbeiten, Grenzen verschwinden zu lassen

Heute sei das trotzdem anders, meint James Posey (43), der 2007 bis 2008 in Boston den Kader füllte. „Früher war das ganz anders, viel schlimmer“, sagt der ehemalige Forward. „Ich habe wirklich keine negativen Erfahrungen gemacht, die der Rede wert wären.“

Jeff Twiss, der langjährige Celtics-Sprecher, zitiert in diesem Zusammenhang gern einen Satz von Franchise-Ikone und Ex-Coach Red Auerbach: „Einmal ein Celtic, immer ein Celtic!“ Und um das zu leben, rollt die Franchise immer wieder auch den sprichwörtlichen roten Teppich aus, wenn ehemalige Stars des Teams in der Stadt sind. Dann ist es nicht ungewöhnlich, dass Legenden wie Bill Russell beim Training auftauchen und Input geben, auf einen Kaffee vorbeischauen und danach Tickets für ehemalige Spieler mit nach Hause nehmen.

Auch Ex-Celtic Rajon Rondo gesteht, dass er den Tränen nahe gewesen ist, als er 2015 mit den Dallas Mavericks zum ersten Mal wieder in den „Garden“ zurückkehrte und die Celtics für ihn ein Video auf dem Videowürfel an der Hallendecke zeigten. „Die Celtics sind einfach eine Organisation mit Klasse, mit Stil. Eigentlich war das Ganze nicht überraschend“, erinnert sich Rondo. „Ich habe das Gleiche bei Paul gesehen, als er zurückkam, und auch bei Kevin Garnett. Jedes Mal, wenn ich in Boston bin, dann bedanken sich Fans bei mir. Sie sind sehr dankbar für das, was ich hier geleistet habe.“

Die Celtics-Family hat auch Deborah White erlebt, damals im Mai 2010, als ihrem Mann JoJo White ein walnussgroßer Tumor aus dem Gehirn entfernt werden musste. Da hätten die Celtics für die besten Ärzte gesorgt, damit ihr Mann wieder gesund und nahtlos in seinen Job als Director for Special Projects bei den Celtics zurückkehren konnte. JoJo White ist 2016 im Alter von 71 Jahren gestorben, noch heute fühlt seine Frau Dankbarkeit. „Ich hätte nicht mehr von den Celtics erwarten können. Ich bin ein Zeuge, ich habe es gesehen, weil ich die ganzen Jahre so nah an Spielern und deren Familien war. Ich weiß, dass Boston nicht so ist, wie es für viele Menschen von außen erscheint.“

Seit 2002 ist James Cash Jr. (72) einer von zwei afroamerikanischen Mitgliedern unter den Eigentümern der Celtics, und er hat damals nicht eine Sekunde gezögert, als er einen Anteil am Team erwerben konnte. „Für mich als junger Mann in den 60ern war es unglaublich wichtig zu sehen, wie viele Afroamerikaner bei den Celtics spielten, dass man dort so offen war, während überall sonst die Rassentrennung noch ein großes Thema war“, erklärt Cash. „Es war inspirierend, und als ich die Chance hatte, musste ich einfach zuschlagen.“

Trotzdem, die Celtics von heute kennen natürlich die generelle Meinung über die Metropole, in der sie spielen. „Dass die Stadt, historisch gesehen, als rassistisch gilt, war das Erste, was ich gehört habe, nachdem ich von den Celtics gedraftet wurde“, gibt Forward Jaylen Brown (23) offen zu. „Aber man sieht innerhalb und außerhalb der Stadt viele Dinge, die sehr vielschichtig und vielseitig sind, die Stadt ist sehr interessant und schnelllebig. Wahrscheinlich ist sie auch ganz anders als früher. Man sieht den Wandel, sieht die Menschen, die zusammenfinden, die Stadt ist mir wirklich ans Herz gewachsen.“

Heute erleben die Celtics viel mehr von dem „echten“ Boston, wie Paul Pierce erklärt. Weil das 7.000 Quadratmeter große Trainingszentrum seit 2018 zentral in der Stadt liegt, „ist alles innerhalb von zehn Minuten zu erreichen“, beschreibt Pierce. „Viele Spieler haben Wohnungen in der Nähe, das ist wirklich gut. Spieler können sich so in Boston selbst zeigen und sind näher an den Fans dran.“

Das klare Statement der heutigen Celtics ist auch ein Bekenntnis zu Boston

Seit dem letzten Sommer ist Kemba Walker (29) ein Celtic, für den gebürtigen New Yorker sind bei der Entscheidung Hautfarbe und Rassismus nie ein Thema gewesen. „Als jemand, der in eine neue Umgebung kam, habe ich darüber nicht geredet oder nachgedacht“, erzählt Walker. „Versteht mich nicht falsch, ich habe davon gehört, aber es war einfach kein Thema und kein Problem für mich.“ Ein Thema dagegen für ihn: die glorreiche Geschichte der Franchise. „Es gibt hier einfach an jeder Ecke so viel Geschichte, wenn du das erste Mal in die Arena kommst und all die Trikots an der Decke siehst. Wir alle kennen Russell, wissen Bescheid über seine unglaubliche Karriere und die Auszeichnungen. Die Celtics sind einfach eine Organisation, die weiß, wie man gewinnt. Einfach etwas ganz Besonderes.“ Für ihn sei das ein Extra an Motivation. „Ich will einfach ein anderes Level erreichen. Dieses Team spielt jedes Jahr oben mit und das ist unglaublich aufregend für mich.“

Auf dem Platz vor dem Rathaus von „Beantown“ steht seit 2013 eine Statue von Bill Russell. Die Bostoner Künstlerin Ann Hirsch hat die Szene, die Russell bei einem Pass zeigt, mit zehn Granitblöcken umbaut – insgesamt sind das elf Elemente, eines für jede der Meisterschaften, die Russell nach Boston geholt hat. Und jeder Block ist mit einer Auszeichnung oder mit einem Zitat des großen Bill versehen. Celtics-Mitbesitzer Steve Pagliuca (65) erinnert sich noch gut an den Besuch des damaligen US-Präsidenten Barack Obama, der vor der offiziellen Enthüllung für eine private Besichtigung mit Russell nach Boston gekommen war. „Ich werde diesen Tag nie vergessen. Es war ein fantastischer Tag für die Franchise und die Stadt. Die Offenheit der Franchise ist etwas, auf das man stolz ist.“ Und die heutigen Besitzer wollen sicherstellen, dass das auch so bleibt. Vielleicht sogar noch stärker wird. „Die Celtics kämpfen jeden Tag dafür, das hier zum besten Ort für Athleten zu machen, damit sie auf höchstem Niveau ihren Sport betreiben können, aber auch dafür, dass sie Vorbilder werden“, sagt Haupteigentümer Wyc Grousbeck (58).

„Boston ist ein toller Ort“, ergänzt erneut auch Mitbesitzer James Cash. „Wenn ich heute nach South Boston gehe, dann denke ich vierzig Jahre zurück und weiß, dass es heute mehr Menschen gibt, die das Richtige und Gutes tun wollen, und es gibt wenige, die aus der Rolle fallen.“

Niemand weiß, ob Boston je seinen schlechten Ruf ablegen kann, aber viele schwarze Celtics-Spieler von gestern und heute stehen zur Stadt. „Die Celtics sind einer der besten Franchises überhaupt“, sagt Ex-Celtic Bradley. „Und ich liebe die Stadt. Ich würde da immer noch leben, wenn ich könnte. Das ist meine Heimat.“

Auch Marcus Smart sieht das so, trotz allem. „Egal, wo man auch hinkommt, man findet immer irgendwelche Idioten“, sagt der Guard. „Nicht jeder Mensch ist so.“ Und dass sein Vorfall ausgerechnet in Boston passiert sei, das sei Zufall gewesen. „Das hat nichts mit der Stadt zu tun, die ist toll, und ich liebe es, hier zu spielen.“ Er könne sie nur jedem empfehlen, gibt sich fast schon als Boston-Promoter. „Ich liebe diese Stadt, und es ist wunderschön hier.“

 

Fotos: Gettyimages

Text: Fred Wipperfürth / Horst Fadel / Steffen Sander

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