fbpx
BASKET

Huston Rockets: Je kleiner, desto besser?

Spätestens seit der Trade-Deadline ist klar, was die Houston Rockets vorhaben: Ohne Big Man zum Erfolg! Small Ball in dieser Form hat die NBA wohl noch nie gesehen. Aber können die Texaner damit wirklich erfolgreich sein?

Es ist der 5. Februar 2020 – und die NBA-Welt hält für einen kurzen Moment den Atem an. Immer wieder schauen Fans überall auf dem Globus auf ihre Handys.Ständig erhalten sie neue Mitteilungen über den Trade, der der größte Spielertausch in der NBA seit 20 Jahren werden sollte. Darin involviert sind vier Franchises und zwölf Spieler. Gesprochen wird dabei aber hauptsächlich über ein Team: Die Houston Rockets.

Nachdem er jahrelang der Starting Center der Texaner war, wird Clint Capela nach Atlanta geschickt. Im Gegenzug gibt es aber keinen  positionsgetreuen Ersatz. Stattdessen wechselt Forward Robert Covington von Minnesota nach Houston. Die Rockets bleiben also ohne echten Center. Schon einige Zeit deutete vieles auf einen Abgang Capelas hin, der Schweizer spielte nicht gerade seine effektivste Saison. Houstons GM Daryl Morey meinte bei „First Things First“: „Wir dachten, es würde mit Capela funktionieren, und es funktionierte auch. Es funktionierte nur nicht  gut genug, um Titel zu gewinnen.“ Dieser heiß ersehnte erste Titel seit 1995 soll stattdessen mit einer anderen Strategie gewonnen werden: Small Ball. Das bedeutet grob gesagt: Viele „kleine“ Spieler, kaum echte Big Men. Ein Konzept, dass die Rockets und Coach Mike D’Antoni schon lange anstrebten, auch schon oft nutzten. Nur nicht in diesem Ausmaß.

Curry und Co. als Pioniere

Bereits in der Vergangenheit probierten sich einige Teams am Small Ball. Das Paradebeispiel heißt natürlich Golden State Warriors. Diese ließen Draymond Green (1,98 Meter) auf der Center-Position auflaufen. Dafür hagelte es viel Kritik, ein reines Shooting-Team könne niemals eine Championship gewinnen. Die Mannschaft von Steve Kerr strafte die Kritiker Lügen und holte drei Titel. Kein Wunder also, dass sich einige Franchises am Konzept der Warriors orientieren.

Keine allerdings so extrem, wie die Rockets seit Februar diesen Jahres. Spätestens seit Ausnahme-Werfern wie Stephen Curry ist der Dreier die wichtigste Waffe im Basketball. Rein mathematisch gesehen ist es auch der effektivste Wurf, da sich Trefferquoten aus Mittel- und Dreierdistanz in den vergangenen Jahren immer weiter annäherten. Auch die Houston Rockets haben deshalb ihr Team in den letzten Jahren mit einigen starken Dreierschützen aufgerüstet. Würfe von Downtown sah man bereits 2018/19 bei keiner Mannschaft so häufig wie bei den Texanern. Sie hatten immer mindestens vier Spieler an der Dreierlinie positioniert. Da stellt sich die Frage: Warum nicht gleich alle Fünf?

Drei zählt mehr als Zwei

Genau das dachten sich auch Mike D’Antoni und GM Daryl Morey. Sie gaben Capela ab und verzichteten auf einen Center im Kader. Der Deutsche Isaiah Hartenstein, der ebenfalls auf dieser Position spielt, kommt bei den Rockets maximal am Spielende zum Einsatz, eine große Rolle spielte er in Houston auch nach Capelas Abgang jüngst nicht. Die Raketen wagen eines der größten Experimente der jüngeren NBAGeschichte– Basketball ohne Big Man. Ein solches Line-Up sucht sich in der Geschichte der besten Liga der Welt vergebens – welches Team setzte je auf einen 1,96 Meter großen Starting Center? P.J. Tucker, der die Fünfer-Position nun bekleidet, kommt in seinem Karriere-Schnitt nicht einmal auf sechs Rebounds pro Partie. Dafür trifft er den Dreier in den letzten drei Saisons konstant mit 37 Prozent – auch für Unwissende wird also schnell ersichtlich, wohin die Reise der Rockets gehen soll.

Westbrook profitiert

Wer zum ersten Mal seit 20 Jahren ein Basketball-Spiel sieht und zufällig bei de Texanern einschaltet, wird sich fragen, ob er überhaupt die gleiche Sportart schaut. Alle fünf Spieler befinden sich hinter der Dreierlinie, wie Handball-Spieler um den Strafkreis herum. Das Ziel dabei: Viel Raum für Isolations und Drives zum Korb schaffen. Diese sollen dann entweder mit einem freien Wurf unter dem Korb oder einem Kickout-Pass zu einem Schützen abgeschlossen werden – zumindest in der Theorie.

Der Vorteil dabei ist, dass die Rockets auch gegnerische Center zur Perimeter-Verteidigung zwingen, schließlich darf kein Spieler an der Dreierlinie allein gelassen werden. Somit entsteht Raum in der Zone, den Westbrook oder Harden nutzen können. Auch um diesen Platz zu kreieren, wurde Robert Covington verpflichtet. Daryl Morey ist vom Forward sehr überzeugt: „Es geht nicht nur darum, wie gut er ist, sondern, wie sehr er jedem im Team hilft. Vor allem Russell Westbrook. Seine freien Wege zum Korb sind super wichtig.“

Seit der gravierenden Systemumstellung der Rockets erlebt Westbrook so etwas wie seinen zweiten Frühling. Ohne Frage war er in den letzten Wochen vor der NBA-Zwangspause der Top-Spieler der Texaner. Er nahm weniger Dreier, konzentrierte sich auf seine Kernkompetenz: Westbrook hat einen unglaublich schnellen ersten Schritt und einen wahnsinnig energischen Zug zum Korb. Meistens schlägt er seinen Gegner im Eins-gegen-Eins im Vorbeigehen. Dank dem Small Ball-Line Up ist die Zone frei, ein aushelfender Gegenspieler muss erst einrücken. Macht er das zu langsam oder gar nicht, erzielt „Russ“ einfache Punkte. Rückt er ein und stoppt den Drive, kommt der Kickout-Pass – was einen freien Wurf von Downtown zur Folge hat. Kein Wunder also, dass #0 seit dem Capela-Trade knapp 32 Punkte und etwa fünfeinhalb Assists pro Spiel auflegt.

Diese Leistungen spiegelten sich auch in den Ergebnissen der Rockets wieder – zunächst. Houston beendete den Februar mit einer Bilanz von elf Siegen und nur zwei Niederlagen. Dabei besiegten sie unter anderem die Lakers, Celtics und Jazz. Im März brach die Mannschaft von Mike D’Antoni dann ein, verlor vier Spiele in Serie. Gerade in diesem Abschnitt wurden die gravierenden Schwächen des Systems mehr als deutlich.

Der offensichtlichste Nachteil ist das Rebounding. Während andere Teams wie die Lakers mit JaVale McGee einen 2,13 Meter-Riesen aufs Parkett schicken, knackt bei den Rockets kaum ein Spieler die Zwei-Meter-Marke. Gerade beim Rebounding ist das ein entscheidender Schwachpunkt. Kein Wunder also, dass die Texaner in dieser Kategorie in den meisten Partien den Kürzeren ziehen.

Im Basketball gibt es seit vielen Jahren nämlich nicht zu Unrecht das Sprichwort „Wer die Bretter dominiert, dominiert das Spiel“ – genau das mussten die Rockets bereits am eigenen Leib erfahren. Bei der Niederlage gegen die New York Knicks beispielsweise holten die Knicks 65 Rebounds, Houston nur 34. Eine weitere Schwäche ist die extreme Abhängigkeit vom Shooting. Die Rockets verlassen sich darauf, dass ihre Würfe fallen. Passiert das nicht, gehen die Spiele meist verloren. Natürlich lässt sich dies auf jede Mannschaft beziehen. Dass jedoch kein Team der Liga so oft von Downtown abdrückt wie die Rockets (44,3 Versuche pro Spiel), macht die Abhängigkeit noch gravierender.

Ein weiteres Problem ist die Zonen-Verteidigung. Klar, Houston besitzt vor allem auf den Flügeln starke Perimeter-Verteidiger. Verlieren diese jedoch mal ein Duell, steht kein Clint Capela mehr zum Aushelfen bereit. Wenn ein Gegner also mit viel Dynamik am Verteidiger vorbeizieht, resultiert das meist in zwei Punkten. Auch ein P.J. Tucker kann hier als Defensivanker dann schlussendlich nicht mehr viel ausrichten.

Reichts für die Revolution?

Was ist dieser gravierende Systemwechsel nun? Der goldene Schlüssel zum NBA-Titel oder doch ein weiterer gescheiterter Versuch? Fakt ist: Houston will seine Gegner durch die Offensive bezwingen. In der Regular Season hat das durchaus seine Vorteile. Wenn sich ein Trainer in einer Serie allerdings gezielt auf die Rockets einstellen kann, dürften sich jedoch leichter Wege finden, die Texaner zumindest teilweise zu stoppen.

Doch egal, wie man zu dem Experiment in Texas steht: Man muss den Rockets zugute halten, dass sie durchaus Mut bewiesen haben. Sie haben den Small Ball-Trend der Liga auf ein ganz neues Level gehoben und gleichzeitig an ihrer Ideologie festgehalten. Und da die Raketen mit ihrem vorherigen Stil wohl auch keinen Blumentopf mehr gewonnen hätten, heißt die Strategie: wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Sollte Houston in den Playoffs tatsächlich Erfolg haben, könnten wir bald weitere Teams sehen, die ihrem Beispiel folgen. Dann wäre der Basketball ohne Big Man wohl zumindest für eine Zeit der Basketball der Zukunft. Scheitern die Rockets aber wie von vielen Experten prognostiziert, wird es wohl für eine Weile der einzige Versuch in diese extreme Small Ball-Richtung bleiben.

 

Text: Lukas Claus

Bilder: Gettyimages

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Thank you
for sending!