BASKET

Steve Francis: Vom Dealer zum Star

Mutter tot, Vater im Knast. Statt an seiner Basketball-Karriere
zu feilen, steht Steve Francis tagein, tagaus als Drogendealer
auf der Straße. Dass er es 1999 dennoch als zweiter Pick des Drafts
in die NBA schafft, grenzt an ein Wunder.

Es ist der 1. November 1999. In Houston ist bereits vor Stunden die Sonne untergegangen. Für Steve Francis tickt die Uhr: Weniger als 24 Stunden verbleiben ihm bis zum größten Moment seines Lebens. Bis zu jenem Spiel, von dem er sein gesamtes Leben lang geträumt hat. Denn der Rookie wird morgen zum ersten Mal auf einem NBA-Court stehen. Sich mit den Besten der Besten messen. Und das an der Seite von lebenden Legenden wie Hakeem Olajuwon und Charles Barkley. Ein Grund, früher ihn ins Bett zu gehen? Nein. Ein Grund, um im Kraftraum Gewichte zu heben oder in der Halle an seinem Sprungwurf zu feilen? Keinesfalls.

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Bei seinen drei All-Star-Game-Teilnahmen wurde Francis immer zum Starter des Westens gewählt (Foto: Getty Images).

Der angehende NBA-Profi zieht es vor, seine Zeit in einem Nachtclub zu verbringen. Doch nicht alleine, sondern gemeinsam mit Sam Cassell, dem Point Guard der Milwaukee Bucks – dem morgigen Gegner. „Wir haben nicht richtig gefeiert. Wir saßen nur im Club herum, haben Eistee getrunken und Sam erklärte mir, worauf ich in der NBA zu achten habe“, erzählt Francis. Doch der ach so freundlich wirkende Ex-Rocket-Akteur Cassell, der bereits zwei Meisterschaften vorzuweisen hat, meint es nicht wirklich gut mit seinem jungen Gegenüber. „Dieser Typ versuchte mich mit Hilfe seiner Jedi-Tricks glauben zu lassen, dass er mir -einen Gefallen tut, wenn er mich bis sechs Uhr morgens mit brüderlichen Ratschlägen vollquatscht“, blickt Francis heute mit einem Augenzwinkern auf die letzten Stunden vor seinem NBA-Debüt zurück.

Der Youngster verweist mehrfach auf die Uhrzeit. Möchte gehen. Doch der Bucks-Spieler kennt kein Erbamen und redet ohne Punkt und Komma weiter. Gegen fünf Uhr schlägt die Stimmung plötzlich um. „Ich werde dir morgen deinen müden Arsch versohlen“, brüllt Cassell, um gegen die laute Musik anzukommen. Als der Rookie endlich den Club verlässt, blendet ihn das Sonnenlicht. Gerade einmal fünf Stunden bleiben ihm bis zum Team-Meeting. Zwar nicht betrunken, aber mit klingelnden Ohren, startet er in seinen Tag. 

Von Freunden und Feinden

Als sich Francis abends auf das Spielfeld schleppt, überblendet die Müdigkeit alle Emotionen. Cassell hingegen wirkt topfit und nimmt den Rookie, mit dem er -zuvor noch kumpelmäßig in der Bar chillte, völlig auseinander. „Er hat 35 Punkte erzielt. Ich hingegen war im ersten Viertel so -müde, dass ich glaubte, ohnmächtig zu werden“, gibt Francis rückblickend zu Protokoll. Besonders peinlich: Barkley und Olajuwon schauten bei jeder Auszeit im Huddle voller Verachtung auf den No.-2-Pick herab. Wenig überraschend verlieren die Rockets das Spiel und der hochgelobte Neuling schleicht mit einer miserablen Wurfquote – er traf nur vier von 13 Versuchen – enttäuscht in Richtung des Locker-Rooms. Im Gang wartet bereits der grinsende Mann des Tages und tönt: „Vergiss nie: Abseits des Courts sind wir Freunde, aber auf dem Court sind wir Feinde.“

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Seine NBA-Karriere schließt Steve Francis mit Stats von 18,1 PPS, 6,0 As und 5,8 REB ab (Foto: Getty Images).

Um Geschichten wie diese erzählen zu können, muss man viel erlebt haben. Und der ehemalige NBA-Star Steve Francis, der trotz seines katastrophalen Einstandes noch „Rookie of the Year“ 2000 werden sollte, hat im Leben weit Dramatischeres erlebt als eine schlaflose Nacht.

Tragische Kindheit

Vier Jahre, bevor er die große Bühne der berühmtesten Basketball-Liga der Welt betrat, sah sein Alltag noch völlig anders aus. Er stand tagein, tagaus an der Ecke der Maple Street in Takoma Park, Maryland und verkaufte Drogen vor einem China-Imbiss. Das -Leben hatte Francis tragisch mitgespielt: Seine Mutter starb an Krebs, als er 18 Jahre alt war. Und sein Vater saß zu diesem Zeitpunkt im Knast eine Haftstrafe wegen Bankraubes ab. Doch was heißt schon „zu diesem Zeitpunkt“: Da ihm das Gericht in den 80ern gleich 20 Jahre aufbrummte, hatte Steve seinen alten Herren noch nie außerhalb der Gefängnismauern gesehen. Dir erste Erinnerung an seinen Daddy ist deshalb auch eine, die traurig stimmt: Gemeinsam mit seiner Mutter besuchte der kleine Steve damals erstmals die graue und Furcht einflößende Strafvollzugsanstalt. Doch bevor er seinen Vater zu sehen bekommt, musste er, genauso wie seine Mutter, die Hosen runterlassen und die Beine spreizen. Die Beamten wollen sicher gehen, dass die beiden keine Drogen zu den Gefangenen schleusen. Francis ist an diesem traurigen Tag gerade einmal drei Jahre alt, schwört aber, sich bis heute noch detailliert daran zu erinnern. „Diese Kontrolle war offensichtlich nötig, denn mein Vater war ein stadtbekannter Mann in Washington D.C., ebenso wie meine älteren Brüder. Das war meine Lebenswirklichkeit“, resümiert der heute 41-Jährige. „Ich selbst war verdammt klein und als sich meine Eltern trennten, sagte mein Mutter: ,Nicht Steve! Er soll einen anderen Weg gehen’.“

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Schon als Rookie neben Charles Barkley spielt Francis 36,1 MIN (Foto: Getty Images).

Doch so gut die Absichten der Mutter auch waren, von einem normalen oder gar bürgerlichen -Leben war ihr jüngster Sohn meilenweit entfernt. Von der Highschool -geflogen und ohne Schulabschluss in der Tasche, lebte er zusammengepfercht mit 18 anderen Personen in einem Drei-Zimmer-Apartment. Eine NBA-Karriere zu diesem Zeitpunkt – unvorstellbar. 

1995 verfolgte Francis, wie -Allen Iverson nur wenige Kilometer entfernt für Georgetown spielend den College-Basketball dominierte. Er hingegen baute lieber sein -eigenes kleines Drogen-Imperium auf. Selbst zum orangen Ball griff der Dealer, der tagsüber jederzeit -damit rechnen musste, ausgeraubt zu werden, erst in der Nacht. Auf einem Freiplatz in der Nähe der Bezirksfeuerwehr spielte er bedeutungslose Pick-up-Games. Das war alles. Crack bestimmte das Handeln und Denken des späteren Rockets-Einsers. „Ich habe Drogen nie glorifiziert. Aber man muss verstehen, wo ich herkomme. Ich bin in D.C. in den 80ern aufgewachsen. Es war die Zeit der Crack-Epidemie. Die Droge hatte unser Viertel fest im Griff. Es war die reinste Plage“, erläutert Francis die Zwänge seines Aufwachsens. Drogen, Prostitution und Bandenkriege bestimmten das Klima.

Der kleine Junge mit dem Ball

Auch Steve Francis, der sich -Anfang der 2000er in der NBA epische Duelle mit Gary Payton lieferte, wurde wie selbstverständlich in dieses Milieu hineingezogen. Seinen ersten „Job“ erhielt er -bereits mit gerade einmal zehn Jahren. Als sogenannter „Phone Boy“ (dt.: Telefonjunge) arrangierte er die Drogen-Deals, die anschließend die älteren Jungs durchführten. Ein Job, für den Francis stundenlang – egal ob tagsüber oder nachts – an einer Telefonzelle ausharren musste. Smartphones gab es ja schließlich noch nicht. Doch der Job wurde schnell öde. Und so beschloss „Lil Steve“ eines Tages, das Dach der Telefonzelle herauszubrechen. Von nun an warf er aus allen Entfernungen und Winkeln auf das entstandene Loch – immer mit dem Ziel, den Ball in der Zelle zu versenken. „Ich nahm Millionen von Würfen. Die vorbeifahrenden Busfahrer kannten mich. Ich war nur der kleine Junge mit dem Basketball“, erklärt der Mann, der zum Ende seiner Profi-Laufbahn 2010 in China spielte. 

In der Schule lief es trotz der kriminellen Karriere ganz okay. Was Francis jedoch deutlich stärker interessierte als Mathe und Biologie war eine Berufung ins Highschool-Team der Schule. „Ich dachte, ich bin der große Macker. Aber der Coach hat mich bereits nach dem ersten Training aus dem Kader gestrichen. Ich war ihm zu klein“, erinnert sich der Point Guard, der später über 100 Millionen US-Dollar mit Basketball verdienen sollte. Nie wieder sollte er nach dieser Demütigung Highschool-Basketball spielen. Überhaupt spielte Francis – abgesehen von eine paar AAU-Games – keinen organisierten Mannschaftssport. Alles, was das basketballerische Ausnahmetalent später in der NBA zeigte – spektakuläre Crossover, raffinierte Dunks und eiskalte Dreier –, erlernte es auf Freiplätzen. 

Dass das Leben hart ist, wenn man in Armut aufwächst, weiß Francis nur zu gut: „Ich wurde unzählige Male überfallen, hatte geladene Knarren am Kopf, wurde zusammengeschlagen und habe mehr als einmal miterlebt, wie Menschen aus fahrenden Autos heraus erschossen wurden.“ Doch am schlimmsten, so erinnert sich der ehemalige Playmaker, seien die Drogen-Zombies gewesen: „Die Spritzen und die Pfeifen waren allgegenwärtig in unserem Viertel. Von der Krankenschwester über den Lehrer bis hin zum Postboten liefen die Menschen mit diesem stumpfen Blick durch die Gegend und waren allesamt wirklich völlig unberechenbar.“ 

Trotz aller Widrigkeiten taucht Steven D’Shawn Francis an besagtem 2. November 1999 in der NBA auf. Wie kann das sein? Hatte er doch nach dem Tod der Mutter die Basketball-Schuhe vorübergehend komplett an den Nagel gehängt. Die Erklärung: Bei einem Gala-Auftritt, den Francis im Rahmen eines AAU-Spiel hinlegte, war es ihm gelungen, das Interesse eines Coaches auf sich zu ziehen. Und so erhielt der von der Ostküste stammende Drogen-dealer mit dem stadtbekannten Vater ein Engagement in Texas am San -Jacinto Junior College angeboten. Nicht gerade Duke, aber definitiv eine Chance. „Ich flog nach Houston und wurde exakt da abgeholt, wo Jahre zuvor auch Olajuwon nach seiner Ankunft aus Nigeria abholt wurde“, erinnert sich Francis. „Ich fühlte mich wie der einzige Schwarze in ganz Texas. Ein echter Kulturschock.“

Doch mit dem Ortswechsel kehrte erstmals Stabilität ein. Die Basis für den Weg in die NBA. Nach einem Quadruple-Double gegen Shawn Marions Team (Vincennes University) kannten ihn die Scouts, und so kehrte er zurück nach -Maryland zu den Terrapins. Von nun an ging alles ganz schnell: Die Vancouver Grizzlies wählten ihn an zweiter Stelle im Draft 1999. Doch für diese lief Francis, nachdem er sowohl die Stadt als auch die Franchise medienwirksam in einer Pressekonferenz beleidigt hatte, nie auf. Per Trade ging es wieder nach Houston zu den Rockets. 

Dann, in seiner NBA-Frühphase, sorgte das ehemalige Ghetto-Kid gewaltig für Furore. Francis teilte sich bei der Wahl zum „Rookie of the Year“ den Award mit Elton Brand, wurde beim Dunk-Contest 2000 lediglich von Vince Carter geschlagen und erhielt zwischen 2002 und 2004 drei Mal in Folge eine Nominierung für das All-Star-Game. Auch wenn Francis nur -eine einzige Playoff-Serie in seiner Laufbahn spielte (1:4 gegen die Lakers; 2004), gilt er bis heute als einer der spektakulärsten Spieler des neuen Jahrtausends. 

Erschienen in BASKET 04/19, Autor: Markus Unckrich

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