BASKET

NBA-Final 1989: Die Wachablösung

Vor 30 Jahren setzten die „Bad Boys“ aus Detroit ein ganz besonderes Ausrufezeichen: Mit einem gnadenlosen „Sweep“ holten Isiah Thomas und Co. die erste Meisterschaft der Franchise-Geschichte und beendeten gleichzeitig die Ära der „Showtime-Lakers“.

Auf der Suche nach einem coolen Spitznamen wählte die deutsche Handball-Nationalmannschaft, die 2016 die Europameisterschaft gewinnen konnte, kurzerhand den Namen „Bad Boys“. Doch die sympathische und äußerst wohlerzogene Truppe des damaligen Bundestrainers Dagur Sigurdsson schien sich nicht darüber im Klaren zu sein, dass dieses Label in der Sportgeschichte längst vergeben ist – und zwar an knüppelharte Basketball-Fieslinge, die sich den Namen mit jeder Faser ihres Körpers verdienten! Vergeben an harte Burschen wie Bill Laimbeer, Dennis Rodman und Rick Mahorn. Vor 30 Jahren, also in der Saison 1988/89, verewigten sich die echten „Bad Boys“, angeführt von ihrem legendären Backcourt-Duo Isiah Thomas/Joe Dumars, mit dem Gewinn der ersten Championship in der Franchise-Historie in den Geschichtsbüchern. Im Jahr darauf verteidigte „Motor City“ den Titel eindrucksvoll und gilt folgerichtig bis heute als eine der besten Mannschaften aller Zeiten.

INGLEWOOD, CA- JUNE 13: Joe Dumars #4 of the Detroit Pistons drives to the basket against the Los Angeles Lakers during Game Four of the NBA Finals at the Great Western Forum in Inglewood, California on June 13, 1989. NOTE TO USER: User expressly acknowledges and agrees that, by downloading and/or using this Photograph, user is consenting to the terms and conditions of the Getty Images License Agreement. Mandatory Copyright Notice: Copyright 1989 NBAE (Photo by Andrew D. BernsteinNBAE via Getty Images)

Doch der Reihe nach. Ausnahmslos jeder, der in den späten 1980ern kein Fan der Pistons war, hasste die „Bad Boys“. Ein Fakt, der die Anhänger Detroits bis heute stolz macht. Ganz nach dem Motto: „Euer Hass ist unser Stolz.“ Die „Bad Boys“ spielten keinen Basketball, sie kämpften Basketball. „Wir haben Detroit voll und ganz verkörpert. Wir haben den Charakter der Working Class auf den Court gebracht“, bringt Power Forward Rick Mahorn den Spirit der damaligen Ära auf den Punkt und führt fort: „Mit dem Gewinn der Meisterschaft haben wir die Leute in Detroit, ja in ganz Michigan stolz gemacht.“

Die „Jordan Rules“

Miese Tricks, physische Härte und der Hang zur Unsportlichkeit gehörten ebenso zur DNA der Defense-orientierten Pistons wie Mut, mentale Stärke, Zusammenhalt und die basketballerische Brillianz des Hall-of-Famers Isiah Thomas. Kurzum: Niemand – wirklich niemand – spielte damals gerne gegen die Pistons. Weder Charles Barkley noch Larry Bird oder Michael Jordan. Vor allem „His Airness“ wurde von den Pistons ebenso gnadenlos wie pausenlos gepiesackt und gefoult. Um gegen die unfassbaren offensiven Fähigkeiten „MJs“ anzukommen, etablierte Trainerlegende Chuck Daly die sogenannten „Jordan Rules“.

Eine defensive Strategie, die Thomas 1988 einmal folgendermaßen erklärte: „Wir mussten ihn hart und sehr körperlich verteidigen. Das Wichtigste war jedoch, durch regelmäßiges Variieren der Defense Jordan aus der Balance zu bringen.“ Coach Daly skizzierte sein Defense-Konzept noch detaillierter: „Stand Jordan zentral am Perimeter, drängten wir ihn auf den linken Flügel und doppelten ihn aggressiv. Auf dem rechten Flügel doppelten wir ihn ebenfalls, nur hier gaben wir ihm mehr Zeit, sodass er sich auf dem rechten Flügel wohler fühlte und wir in Clutch-Situationen davon ausgehen konnten, dass er den rechten Flügel bevorzugen wird.

So konnten wir ihn besser ausrechnen.“ Eine weitere Order des legendären Meister-Coaches lautete wie folgt: „Wann immer Jordan dich ausspielte, musstest du ihn hart foulen. Gleiches galt, wenn er einen Screen erfolgreich nutzte. Wir wollten nicht schmutzig spielen – ich weiß, dass das viele Leute anders sehen – aber gegen Jordan musste man sehr physisch spielen.“

Die „Jordan Rules“ erwiesen sich in den ersten drei Playoff-Meetings als sehr effektiv. 1988 gab es gegen die Bulls ein 4:1 in den Conference Semifinals. In den kommenden beiden Jahren standen sich die „Bad Boys“ und Jordan erst im Conference Final gegenüber: 1989 siegte Detroit in sechs Spielen, 1990 waren Thomas & Co. nach sieben Spielen siegreich. Erst durch die Einführung der „Triangle Offense“ gelang es Bulls-Coach Phil Jackson, 1991 die Defense-Taktik der Pistons zu neutralisieren.

Eine epische Rivalität

Doch die Bulls waren weiß Gott nicht das einzige Team, mit dem sich die Pistons große Playoff-Schlachten lieferten. Auch Larry Birds Boston Celtics waren ein erbitterter Rivale der Kämpfer aus der Automobilstadt Detroit. Nach einem Sieg über „Larry Legend“ in den Conference Finals 1988 glaubten sich die „Bad Boys“ schon fast am Ziel. 

NBA-Finals
Nach 1560 NBA-Spielen und 237 Playoff-Spielen endete 1989 Kareem Abdul-Jabbars Laufbahn (Foto: Getty Images)

Doch im Kampf um die Larry O’Brien Championship Trophy mussten die „Showtime Lakers“ und damit die Superstars Magic Johnson, Kareem Abdul-Jabbar und James Worthy geschlagen werden. Ein völlig ungleiches Duell, das seinerzeit medienwirksam als „Gut gegen Böse“ promotet wurde: Spektakulärer, mit jeder Menge Finesse vorgetragener Offense-Basketball, der den Anmut einer Ballett-Vorstellung versprühte, traf auf seine Antithese – das fiese, defensive Bollwerk, das körperlichen Auseinandersetzungen niemals aus dem Weg ging und mit Laimbeer den meistgehassten Spieler der Liga in seinen Reihen hatte.

Nur die Protagonisten Magic und Thomas verband – zu diesem Zeitpunkt – eine tiefe Freundschaft, die
sie vor Spiel eins mit einem Kuss im Stil einer französischen Begrüßung der Welt demonstrierten. 

Doch im Lauf des Finals-Battle war davon auf dem Court nicht mehr allzu viel zu sehen. Schließlich ging es für die Pistons darum, die Dominanz der Lakers bzw. der Celtics zu durchbrechen: Seit acht Jahren (1979: SuperSonics) war es keiner anderen Franchise mehr gelungen, eine Meisterschaft zu gewinnen. Und die Pistons starteten verheißungsvoll: Direkt zum Finals-Start gab es den 105:93-Auswärtssieg für die „Bad Boys“! Mit einer 3:2-Serienführung ging es für die Pistons dann in Spiel sechs, wo ein legendäres Spiel – eine regelrechte Galavorstellung von Isiah Thomas – folgen sollte.

NBA-Finals
Isiah Thomas spielte in der NBA nur für die Pistons, die seine Nummer 11 heute nicht mehr vergeben (Foto: Getty Images).

Die Lakers führten bereits mit 56:48, als plötzlich Kapitän „Zeke“ übernahm. Im dritten Viertel scorte Thomas 14 Zähler am Stück. Doch dann der Schock: Beim Zwischenstand von 70:64 verknackst sich der „Go-to-Guy“ bei einem Pass auf Dumars plötzlich den Knöchel! Der kleine Point Guard aber beißt die Zähne zusammen: Mit 3:44 Minuten Restzeit auf der Uhr kehrt der tapfere Held der Arbeiterstadt zurück. Noch immer acht Punkte Rückstand. Thomas spielt um sein Leben. Um den Titel. Um seinen Lebens-traum. Und tatsächlich: 14 Sekunden vor dem Ende liegen die „Bad Boys“ in Führung. Ein Wunder. 

Die Fans sind bereit zu feiern. Doch plötzlich – ein Pfiff, der den Anhängern den Atem stocken lässt. Ein mehr als nur kontroverses Foul, das die Pistons-Fans bis heute als „Phantom Foul“ bezeichnen, bringt Kareem Abdul-Jabbar an die Linie. Und die Center-Legende bleibt cool. Aus der Traum. Sieg für „Purple & Gold. Auch in Spiel sieben behält die erfahrene Star-Truppe aus L.A. die Nerven und sichert sich ihren fünften NBA-Titel in den Achtzigern.

Die absolute Genugtuung

Doch die „Bad Boys“ schworen Rache! Und die Saison 1988/89 sollte die Spielzeit der Detroit Pistons werden. Mit einer Bilanz von 63:19 beenden sie als bestes Team der NBA die Regular Season. Dennoch wurde kein einziger Spieler der Pistons in eines der All-NBA-Teams gewählt. Im Defensive-First-Team hingegen fanden Dennis Rodman und Joe Dumars Berücksichtigung. Dann folgten die Playoffs. Mit zwei „Sweeps“ gegen die Celtics und die Milwaukee Bucks zogen die „Bad Boys“ völlig ungefährdet in die Conference Finals, wo sie, wie bereits erwähnt, dank der „Jordan Rules“ die Bulls eliminierten.

NBA-Finals
Joe Dumars wurde dank seiner 27,3 PPS und 6,0 AS 1989 zum NBA-Finals-MVP ernannt (Foto: Getty Images

Das Feld war bestellt, höchste Zeit, fette Ernte einzufahren. Der Finalgegner? Wie könnte es schöner sein: Die Los
Angeles Lakers. Und die Pistons – ohnehin in Sachen Einsatzfreude ligaweit unübertroffen – waren durch die Neuauflage automatisch bis in die Haarspitzen motiviert. Sowohl die Stars als auch die Rollenspieler Mark Aguirre, Rick Mahorn, Vinnie Johnson, John Salley und Co. wollten unbedingt Revanche für das unglückliche Spiel sechs der Finals 1988 nehmen. So auch Center James Edwards, der Jahre später sagte: „Wir mussten den Lakers zusehen, wie sie feierten, während wir enttäuscht in den Locker-Room schlichen. Diese Erfahrung war die beste Motivation für die kommende Saison. Wir waren so knapp vor dem Titelgewinn. Und noch mal wollten wir uns die Chance nicht nehmen lassen.“ 

Doch trotz hochmotivierter Pistons-Spieler war niemand auf das vorbereitet, was in den NBA-Finals 1989 passierte: Detroit schockte die Basketball-Welt komplett! Die Pistons ließen den verletzungsgebeutelten Lakers nicht den Hauch einer Chance. Von „Showtime“ konnte im Mai 1989 nicht die Rede sein. Nach nur vier Spielen war die Nummer durch, Sweep! Die Pistons feierten ihre erste NBA-Championship! Ein großer Triumph und eine besondere Genugtuung, denn die langersehnte Meisterschaft kann als Wendepunkt, als Wachablösung und als Ende der „Showtime-Lakers“ interpretiert werden. Kareem Abdul-Jabbar beendete seine NBA-Laufbahn. Und die Lakers mussten bis 1999/2000 warten, ehe Shaquille O’Neal und Kobe Bryant die Franchise wieder in die NBA-Finals führten.

NBA-Finals
Mit elf Blocks führte John Salley in den NBA-Finals 1989 alle Spieler in „Rejections“ an (Foto: Getty Images).

Die Pistons hingegen katapultierten sich mit diesem Sieg an die Spitze der NBA. Und dort sollten sie fürs Erste auch bleiben. Im Jahr darauf gelang es den Pistons, den Titel zu verteidigen. Ein Kunststück, das zuvor im Osten lediglich Bill Russells Celtics, dem erfolgreichsten Team aller Zeiten, gelungen war. Bis zum Beginn der sagenhaften Ära von Michael Jeffrey Jordan und seinen Chicago Bulls, die in den Neunzigern sechs NBA-Titel einfahren sollten, waren die „Bad Boys“ die Nummer eins der besten Basketball-Liga der Welt. Ein großes Team, das heute mit Isiah Thomas, Joe Dumars und Dennis Rodman drei Spieler in der Basketball Hall of Fame hat.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Thank you
for sending!