BASKET

Der echte LeBron

Ein Event, das man so schnell nicht vergisst: Die Hauptstadt stand Kopf, als LeBron James im Rahmen seiner „More than an athlete“-Tour in Berlin zu Gast war. BASKET war für euch hautnah dabei und hat festgestellt: Der „King“ hat nicht nur eine wichtige Botschaft zu verkünden, sondern hat sich auch als Mensch durchaus verändert.

Als die Lichter ausgehen, wird es plötzlich ganz leise im Funkhaus Berlin. Gerade wurde auf dem eigens angelegten Basketball-Court in der Event-Location mit dem Lagerhallen-Flair noch das All-Star-Game des ganztägigen Turniers gezockt – doch das ist längst vergessen. Denn nach zehn Stunden Basketball, Hip-Hop und US-Hinterhof-Gefühl hat das Warten ein Ende. Das ist der Moment, auf den hier heute alle hingefiebert haben – das scheinen die rund 3.000 Basketball-Fans in der Halle sofort zu realisieren. Aus der Dunkelheit richten sich alle Augen auf den schwach beleuchteten Hintereingang der Halle. Aus dem kamen heute schon Stargäste wie Jerome Boateng und Dennis Schröder oder Musik-Acts wie Capital Bra und Kool Savas auf den Court getreten. Die Handys laufen heiß, als die Musik aus den Boxen wieder startet und der „King“ zu den Klängen von Eminem ins Licht tritt: LeBron James ist da! Weißes Shirt, graue Shorts, umgedrehtes Baseball-Cap, dem Anlass entsprechend vom Ausrüster und Event-Veranstalter Nike. LeBrons schneeweiße Zähne funkeln im Blitzlichtgewitter der Kameras und Smartphones, mit einer Hand winkt der Superstar der tobenden Menge zu. Als laute „LBJ“-Sprechchöre aufbranden, faltet er die Hände, wie zum Gebet, und verneigt sich vor dem Publikum.

Der Stargast ist für eine Botschaft hier

Der beste Basketballer unserer Zeit hat die deutsche Hauptstadt erobert – in Windeseile und ohne auch nur einen Spalding in der Hand gehabt zu haben. Seit gerade einmal zwei Wochen ist bekannt, dass der dreifache NBA-Champion in Rahmen seiner „More than an athlete“-Tour in Berlin Halt macht, neben Shanghai, Paris und New York. Die Nachricht hat sich verbreitet wie ein Lauffeuer, große Teile der Basketball-Community in Deutschland feiern den Besuch als einzigartige Möglichkeit, ihrem Idol einmal persönlich begegnen zu können. Viele nehmen eine lange Anreise in Kauf, kommen aus ganz Deutschland, teilweise sogar aus Österreich und der Schweiz – und das alles in der Hoffnung, kurz mit ihrem Idol auf dem Court stehen zu können, ihm vielleicht die Hand zu schütteln oder sogar kurz ein paar Bälle mit ihm zu werfen.

LeBron

Strahlemann: Für seinen Besuch in Berlin hatte sich eine tolerante und offene Community versammelt – genauso, wie LeBron es sich gewünscht hatte (Foto: Nike, Kevin Couliau)

Doch LeBron ist nicht nur hier, um Basketball zu spielen. Noch nicht mal, um groß über Basketball zu reden, wie vor den Interviews im Backstage-Bereich rasch angemahnt wird. Nein, LeBron ist hier für eine Botschaft: Er ist „More than an athlete“. Mehr als ein Athlet, mehr als ein Sportler. Was soll das bedeuten? „Mir geht es um Dialog. Ich will, dass die Menschen wieder miteinander sprechen. Die Gräben, die es in der Gesellschaft gibt, müssen verschwinden“, erklärt LeBron die Ziele seiner Tour. „LeBron ist in Berlin, um die Jugend der Stadt darin zu bestärken, ihre Zukunft durch Sport zu gestalten“, heißt es in der offiziellen Ankündigung. Edle Ansätze, die der 14-fache NBA-All Star da verfolgt. Und die vor allem eines zeigen: LeBron ist längst nicht mehr „The Kid from Akron“, wie er sich in Anlehnung an seine Heimat in Ohio gerne bezeichnet. Und noch weniger ist er ein Beispiel für die oft profillosen, kurzsichtigen Profisportler unserer Zeit. Nein, LeBron James ist mittlerweile tatsächlich „More than an athlete“. Und er will diese Botschaft mit der ganzen Welt teilen. „Jedes Kind hat einen Traum. Wir Erwachsenen haben die Aufgabe, ihm zu helfen, diese Träume zu realisieren“, sagt der Basketballer in Berlin.

Träume, die auch der kleine LeBron James einst hatte. Doch der heutige Weltstar hat in seiner Jugend niemanden, der ihm die Inspiration verleiht, die er heute weitergeben will. LeBron wächst ohne Vater auf, seine Mutter Gloria und er lernen die harten Seiten des Lebens kennen. Nur sein Talent für Basketball scheint ein Ausweg zu sein. Durch die Liebe zum Spalding kommt er erstmals mit Kindern in Kontakt, die zwar in seinem Alter, aber aus ganz anderen sozialen Schichten sind. „Beim Sport war ich zum ersten Mal mit Weißen zusammen. Das gab mir die Möglichkeit, sie kennenzulernen, und sie bekamen die Möglichkeit, mich kennenzulernen“, sagt der Lakers-Neuzugang. Eine einfache Botschaft gegen Rassismus, die leider – sowohl in den USA als auch anderswo – allzu selten ankommt. Doch die Kraft des Sports ist groß, auch in dieser Hinsicht. Und wer wüsste das besser als LeBron? Seit 15 Jahren spielt er in der NBA und ist dort seinen Teamkollegen, egal ob aus Australien (Irving), Litauen (Ilgauskas), Montenegro (Pavlovic), Brasilien (Varejao) oder von wo auch immer, stets respektvoll gegenüber getreten. Was dieses Thema angeht, hat LeBron die Gabe, wichtige Botschaften einfach zu verpacken. Zum Beispiel mit Blick auf den deutschen NBA-Export Dennis Schröder: „Ich komme aus Ohio, Dennis ist aus Deutschland, aber wir spielen beide in der NBA. Der Sport, egal auf welchem Level, bringt uns alle zusammen. Das ist das Besondere.“ Ein Miteinander, völlig unabhängig von den Wurzeln – für LeBron ist der Sport nichts geringeres als die Blaupause für eine perfekte Welt.

Unter diesem Credo steht auch der komplette Sonntag, den die 3.000 Basketball-Fans im Funkhaus verbringen und gemeinsam mit Berliner Prominenz sowie bekannten Sport- und Society-Größen den Abend erwarten, samt der Ankunft des Ehrengastes. Theoretisch stehen sie heute alle in Konkurrenz zueinander. Viele von ihnen stehen sich auf dem Court gegenüber, alle anderen hoffen auf einen guten Plätze auf der Zuschauertribüne mit guter Sicht auf das anstehende Spektakel zu später Stunde. Doch von hartem Konkurrenzdenken ist an diesem Tag nichts zu sehen. Die Spiele verlaufen fair, die Referees müssen kaum Fouls pfeifen. Sportlich geht es hin und her. Auch, weil jeder erzielte Punkt mit 60 Euro für einen guten Zweck belohnt wird. Am Ende des Tages stehen rund 130.000 Euro auf der Anzeige! Eine riesige Summe und mehr als ein netter Nebeneffekt an einem Tag, an dem sich die deutsche Basketball-Community auch ein bisschen selbst feiert.

LeBron

Bei LeBron James werden selbst Fußball-Profis wie Leroy Sané und Antonio Rüdiger zu Fans, Dennis Schröder kennt James ja bereits (Foto: Nike, Kevin Couliau)

Denn auch abseits des Courts ist die Stimmung gut. Im Außenbereich kann in Freiplatz-Atmosphäre gezockt werden, viele junge Baller nehmen das Angebot wahr. Einige von ihnen dürfen abends das All-Star-Game vor LeBrons Ankunft bestreiten, aber das heißt nicht, dass ein Spiel in der Halle genug des Basketballs für einen Tag wäre. Zumal viele von ihnen schon seit acht Uhr – also bereits zwei Stunden vor Einlass – vor Ort waren und für die zwölf Stunden bis zu LeBrons Auftritt auch Zeitvertreib suchen. „Als ich von dem Event gehört habe, war mir sofort klar, dass ich hier hin muss“, erzählt der 17-jährige Leon, der mit seinem großen Bruder eigens aus Wiesbaden angereist ist. „Die Möglichkeit, LeBron live zu sehen, ergibt sich ja vielleicht nie wieder.“ Klar, der „King“ wird im Dezember 34 Jahre jung. Wer weiß da schon, wie lange er noch aktiv in der NBA spielen will? Mal ganz abgesehen davon, dass Europa- bzw. Deutschland-Besuche der absoluten NBA-Superstars ja ohnehin rar gesät sind. „Es ist ein Traum, ihn heute zu sehen. Das ist echt Wahnsinn. Man kennt ihn aus der NBA, aber er wirkt immer so weit weg“, findet René aus Berlin-Tempelhof.

Keine Frage: Während die Basketball-Experten auf der ganzen Welt darüber diskutieren, ob LeBron nun vor oder hinter Michael Jordan anzusiedeln sei, steht der Hype um „LABron“ jenem um „His Airness“ schon längst in nichts mehr nach. LeBron ist eine Marke geworden, so wie Jordan auch. Längst hat er seinen Einfluss weit über den Basketball hinaus ausgedehnt. Der 2,03 Meter große Ausnahme-Athlet ist Influencer, Botschafter, Unternehmer und politischer Lautsprecher in einer Person. Allein auf Twitter folgen LeBron etwa 41 Mio. Menschen. Damit ist er dem mächtigsten Mann der Welt, US-Präsident Donald Trump (54 Mio. Follower) auf den Fersen. Der Vergleich ist kein Zufall, denn mit dem Kampf gegen Trumps Politik hat LeBron seiner Vorbildfunktion eine neue Dimension gegeben.

Das Sprachrohr einer Generation

Während sich in der NFL, der großen Football-Liga Amerikas, nach dem „Skandal“ um Colin Kaepernick – der Spieler kniete sich während der Nationalhymne hin, um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu demonstrieren – zwar durchaus Widerstand gegen Trump regt, die echten Superstars aber nach wie vor lieber den Mund halten, ist LeBron der Anführer einer Bewegung, in der sich die Superstars der NBA geschlossen gegen den Präsidenten stellen. Neben LeBron haben zum Beispiel die Warriors-Stars Steph Curry und Kevin Durant bereits deutlich die Stimme gegen Trump erhoben. Der kleine, aber feine Unterschied zwischen LeBron und seinem Erzfeind: Von den 54 Mio. Twitter-Abonennten Trumps dürfte mindestens die Hälfte keine seiner politischen und gesellschaftlichen Ansichten teilen. Eine große Zahl folgt dem Präsidenten wohl nur deshalb, um die rhetorischen Auswüchse über Social Media möglichst schnell auf dem eigenen Smartphone präsentiert zu bekommen.

Bei LeBron ist das anders. Der viermalige NBA-MVP hat eine riesige Gefolgschaft hinter sich. Gerade die afroamerikanische Gemeinde hat „The Chosen One“ („der Auserwählte“) längst als Sprachrohr einer ganzen Generation akzeptiert. Sie fühlen sich von LeBron verstanden, weil er selbst erlebt hat, was sie tagtäglich durchmachen: Rassismus, schlechte Bildungschancen, soziale Isolation. Sie selbst können nicht gegen Trump kämpfen. Darum brauchen sie jemanden, der es für sie tut. Und einen, der weiß, wie viel Glück er in seinem Leben hatte. Das Hobby zum Beruf zu machen und damit allein an Gehältern bis zu seinem Vertragsende in Los Angeles fast 350 Mio. Dollar zu verdienen (Sponsoring-Verträge und Werbedeals nicht mitgerechnet), davon träumen alle, doch nur die wenigsten haben die Chance, genau das zu tun.

LeBron

Jeorome Boatang, Mitchell Weiser, Leroy Sané… die Gäste bei LeBrons Berlin-Besuch waren äußerst prominent (Foto: Nike,Kevin Couliau)

„Basketball spielen, das könnte ich 24 Stunden lang machen. Und zwar mein ganzes Leben“, sagt LeBron. Doch dass er das nicht tut, spricht für ihn. Denn das würde bedeuten, die Möglichkeiten, die er in der Gesellschaft hat, nicht zu erkennen. Doch das ist nicht LeBron: Er ist sich seiner Rolle in der US-Gesellschaft und darüber hinaus bewusst. Das merkt man selbst an so scheinbar banalen Sachen wie seinen Aussagen zur Space-Jam-Fortsetzung, in der er mitspielen wird. „Die Zusammenarbeit ist so viel mehr, als nur mich und die Looney Tunes für einen Film zusammenzubringen. Ich würde es lieben, den Kindern und Jugendlichen zu zeigen, wie sie sich fühlen können, wenn sie ihre Träume nicht aufgeben.“ Ein echter LeBron-Satz. Anderen Sportlern würde man wohl PR-Sprech vorwerfen, doch LeBron meint es ernst. Das ist mit jedem Wort zu spüren.

Erst kürzlich eröffnete er voller Stolz die „I Promise School“ in Akron und erfüllte sich selbst damit einen lang gehegten Traum. In der Schule sollen Kinder aus sozial schwächeren Familien bessere Bildungschancen bekommen. Schon jetzt, als noch aktiver Sportler, stehen karitative Zwecke bei LeBron weit oben auf der Agenda. Das wird auch nach der Karriere so sein. Auch wenn viele seinen Weg nach der NBA bereits vorgezeichnet sehen: Mit LeBrons Bekanntheit, seinem Einfluss und seiner Geschichte wäre eine politische Karriere fast folgerichtig. Und für ihn selbst wäre es wohl trotz aller Erfolge auf dem Court das Größte, Trump eines Tages auf politischer Ebene zu begegnen. Schon während des US-Wahlkampfs 2016 versuchte er, Hillary Clinton die Mehrheit im „Swing State“ Ohio zu verschaffen, scheiterte allerdings. Dennoch: Das Debüt auf der politischen Bühne ist gemacht.

Ein Anführer mit allen Möglichkeiten

Selbst Fragen zu einer möglichen Präsidentschaftskandidatur musste LeBron schon beantworten, im legendären Interview mit US-Journalist Don Lemon (CNN). Sollte es 2020 keinen Gegenkandidaten für Trump geben, würde er sich zur Wahl stellen, räumte der „King“ ein. Das wird zwar nicht passieren, doch langfristig könnte es schon anders aussehen. Ein LeBron James im Weißen Haus scheint aktuell unrealistisch, doch die Möglichkeiten, die der NBA-Star besitzt, sind nicht zu unterschätzen.

Es sind Gedankenspiele wie diese, die sich bei einer Persönlichkeit wie LeBron James fast automatisch aufdrängen. Klar, keiner der Gäste ist nach Berlin gekommen, um einen potenziellen US-Politiker der Zukunft zu sehen. Heute ist LeBron „nur“ der beste Basketballer der Welt, der sich von Fans feiern lässt, die seine sportlichen Heldentaten in der NBA seit 15 Jahren verfolgen. Ehrfürchtig lauschen sie seinen Worten und jubeln, wenn der Mann am Mikrofon einen Satz zu Ende gesprochen hat. Die Zuhörer in ihren Lakers-, Heat- oder Cavaliers-Jerseys nehmen nur den Moment wahr, und so soll es auch sein. Und dennoch wird man den Gedanken nicht los, dass dieser Besuch im Berliner Funkhaus mehr war. Ein „Testlauf für einen richtigen Staatsbesuch“, schrieb die Wochenzeitung DIE ZEIT. Die Türen jedenfalls stehen LeBron offen. Das ist nicht erst seit seinem Berlin-Besuch klar, doch die Botschaft ist angekommen: LeBron ist „More than an athlete“. Er ist mehr als ein Sportler. Viel mehr.

Thomas Werner

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Thank you
for sending!