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Kobe Bryant: „Ich folge meiner Leidenschaft“

Am 23. August feierte die „Black Mamba“ ihren 40. Geburtstag. Seit Kobe vor zwei Jahren die Sneaker an den Nagel gehängt hat, ist viel passiert: Die Lakers-Legende hat einen Oscar gewonnen, betätigt sich als Förderer junger Spieler und ist inzwischen zum kritischsten aller NBA-Analysten geworden. Im BASKET-Geburtstags-Interview erklärt Bryant, wie sein Post-NBA-Leben aussieht.

Kobe Bryant hat als Basketballer alles erreicht: Er hat fünf Meisterschaften gewonnen, einen MVP-Titel erhalten, zwei Finals-MVP-Awards errungen, 18 All-Star-Nominierungen gesammelt, wurde viermal zum MVP des All-Star-Games benannt und krönte sich zudem zweimal zum Scoring-Champ der nordamerikanischen Elite-Liga. Nach seiner Karriere zog sich die „Black Mamba“ jedoch nicht ins Privat­leben zurück, sondern startete umgehend die nächste große Karriere. Am 23. April 2018 erhielt Kobe Bryant die größte Auszeichnung, die die Filmindustrie vergibt – einen Oscar für seinen Film „Dear Basketball“ (siehe Kasten S. 94). Kaum ist das eine Projekt von Hollywood ausgezeichnet, beginnt für die ehrgeizige Lakers-Legende mit „Detail“ umgehend das nächste. Mit BASKET sprach der Mann, der gleich zwei Jersey-Nummern unter dem Hallendach des altehrwürdigen Staples Centers hängen hat, über sein neues, nicht minder spannendes Leben.

Foto: Getty Images

Hallo Kobe, mit ein wenig Verspätung gratulieren wir dir zum Gewinn des Oscars. Was bedeutet dir diese Auszeichnung?

Sie bedeutet mir unglaublich viel. Ich habe eine großartige Reise als Basketballer hinter mir. Jetzt ist es mir wichtig, mich auch in der Film- und Medienbranche zu etablieren. Ich habe nachgewiesen, dass ich auf höchstem Level schreiben und produzieren kann. Dafür steht der Oscar. Und genau das macht mich glücklich. Der Film „Dear Basketball“ war für mich kein Ausflug in die Filmindustrie. Ich habe das Drehbuchschreiben und Produzieren längst zu meiner täglichen Arbeit gemacht. Einen Oscar zu gewinnen hat meiner Reputation sehr geholfen. Ich habe das Ganze ja nicht nur als Produzent betreut und am Ende meinen Namen daruntergesetzt. Nein, ich habe das komplette Projekt erdacht und geleitet.

Wo steht der Oscar jetzt?

Ich habe ihn in meinem Haus. Er steht unmittelbar neben meinem ­Emmy Award, den ich ebenfalls gewonnen habe. Ich schaue ihn mir jeden Morgen an, bevor ich mit der Arbeit loslege.

Gibt es Mentoren, die dir bei deiner noch jungen Karriere als Filmschaffender mit Rat zur Seite stehen?

Ja, ich habe großartige Leute in meinem Umfeld. Leute von denen ich ­jede Menge lernen kann. J.J. Abrams, George R.R. Martin, Oprah ­Winfrey, Steven Spielberg. Mit Ron Howard war ich neulich essen, und wir haben uns anderthalb Stunden über das Filmemachen unterhalten.

Denkt sich Steven Spielberg nicht: „Wow, ich sitze hier mit Kobe Bryant“?

Ja, das hat er sogar einmal gesagt, und ich entgegnete: „Willst du mich verarschen? Ich sitze hier mit Steven Spielberg.“ (lacht) Er lobte mich für „Dear Basketball“, und ich wusste, dass er mir nichts vorspielt. Wenn er etwas nicht mag, dann sagt er es dir trocken und unverfälscht auf den Kopf zu. Dass es ihm gefallen hat, ist ein wahnsinniges Kompliment.

Kobe

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Mit „Detail“ hast du nachgelegt und gleich das nächste Format auf den Weg gebracht …

„Detail“ ist mir sehr wichtig, eine Herzensangelegenheit. Es war mir ein Anliegen, mit dem Format der nächsten Generation etwas an die Hand zu geben. Ich möchte in dieser Sendung lehren, wie man ein Basketballspiel analysiert, wie man es spieltaktisch zu lesen hat. Hätte es die Sendung gegeben, als ich elf oder zwölf Jahre alt war, wäre sie für mich der absolute Hammer gewesen. Ich hätte so viel Mehrwert aus ihr ziehen können. Selbst mit 23 oder 24 hätte ich aus ihr noch Lehren ziehen können. Ich habe es fast schon als meine Pflicht erachtet, diese Sendung zu machen. Denn ich möchte, dass junge Basketballer von mir und meiner Erfahrung profitieren. Mir ist es wichtig, dem Basketball etwas zurückgeben. Ich habe selbst von großen Spielern und Trainern lernen dürfen, und nun ist es meine Aufgabe, dies für die nächste Generation zu leisten. Das ist die Idee des Formats. Ich möchte, dass sich Spieler mit den Details des Basketballs auseinandersetzen. Denn oft entscheiden Kleinigkeiten über Erfolg oder Misserfolg.

Was ist der Aspekt am Basketball, der dich als Analyst am meisten ­interessiert?

Ich schaue mir das Spiel aus der Perspektive eines Spielers an. Auch in „Detail“ mache ich genau das. Ich gebe den Zuschauern die Möglichkeit, dabei zu sein, wenn ich ein Spiel analysiere. Das war auch als Spieler 20 Jahre lang meine tägliche Arbeit. Jetzt lasse ich die Leute teilhaben. Es gibt keine Interviews. Es gibt auch keinen Tisch, an dem Experten sitzen. Es geht nur um Taktik, nur ums Spiel. Ich interessiere mich im Format „Detail“ auch nicht für die Hintergrundgeschichte. Ich versuche nicht, die Bedeutung der Verletzung von Chris Paul in den Conference-Finals einzuordnen oder so etwas … Ich versetze mich stattdessen vollständig in einen Spieler, in seine Situation auf dem Court und frage mich: Was wäre, wenn ich in Spiel eins der Conference-Finals Chris Paul wäre und mit seinen Fähigkeiten gegen Stephen Curry verteidigen müsste? Diese Dinge analysiere ich. Ich decke taktische Fehler auf und erkläre, wie man Situationen besser löst. „Detail“ ist ein Format für echte Basketball-Nerds, nicht für den oberflächlichen NBA-Fan.

Jayson Tatum hat gesagt, dass er die Folge „Detail“, in der du dich voll und ganz ihm gewidmet hast, mindestens 20-mal gesehen hat. Was denkst du über ihn?

waSein Spiel ist bereits sehr ausgefeilt. Er hat mir in den Playoffs unfassbar gut gefallen. Er hat ein sehr gutes Midrange-Game, kann zielstrebig zum Korb ziehen und hat ein mehr als solides Ballhandling. Es sind nur Kleinigkeiten, die ihm noch fehlen. Defensiv kann es sich noch weiter verbessern, was nicht heißen soll, dass seine defensiven Leistungen für einen Rookie nicht schon sehr anständig waren.

Ist es dein Ziel, eines Tages ein klassischer NBA-Analyst wie Shaq oder Charles Barkley zu werden, oder interessiert dich das nicht?

Nein, kein bisschen. Mich interessiert dieser Job überhaupt nicht.

Warum nicht?

Weil ich liebe, was ich aktuell tue. Ich liebe es, am Schreibtisch zu sitzen und zu schreiben, geistige Dinge zu erschaffen. Ich folge nun meiner Leidenschaft. Ich kann es morgens gar nicht abwarten, mich an die Arbeit zu machen. Meine Basketball-Karriere ist zu Ende, und ich bin unglaublich glücklich, dass ich jetzt Geschichten erzählen kann. Ich habe nicht die Zeit, jeden Tag in einem TV-Studio an einem Tisch zu sitzen. Ich möchte kreativere Dinge machen. Ich möchte Geschichten und Ideen umsetzen. Meine Art zu arbeiten kann man in „Detail“ sehen. Sie ist viel unkonventioneller. Es ist schwierig, es jemandem zu erklären, der die Show noch nicht gesehen hat.

Du warst so ehrgeizig als Sportler, fällt es dir heute schwer, Basketball zu schauen und nicht eingreifen zu können? Jordan hat es mehrfach nicht ertragen und kam zurück …

Nein, kein bisschen. Ich habe nicht das geringste Problem damit. Darin unterscheide ich mich sehr stark von Michael Jordan. Wir waren beide unfassbar leidenschaftlich und haben dem Sport alles gegeben, was wir hatten. Aber ich kann heute Basketball schauen und analysieren, ohne Sehnsucht zu empfinden.

Als Analyst setzt du dich natürlich auch mit Entwicklungen auseinander. Inzwischen kann fast jeder Big Man von außen schießen, das haben wir Dirk Nowitzki zu verdanken, oder?

Was die Leute häufig vergessen, ist, dass Dirk Nowitzki sich den Dreier nicht im Laufe seiner Karriere erarbeitet hat, sondern zu Beginn seiner Karriere sogar noch deutlich mehr Threeballs nahm als in dem Jahr, in dem er mit Dallas die Meisterschaft gewann. Dirk war völlig revolutionär! Niemand konnte sich zuvor vorstellen, dass es einmal einen echten ­Sevenfooter geben könne, der als bester Shooter der gesamten NBA für so viel Spacing sorgt. Nowitzkis Art, Basketball zu spielen, hat so viele junge Big Men inspiriert und dafür gesorgt, dass sich die Position des Power Forwards grundlegend verändert hat. Alle sagten plötzlich: „Ich möchte wie Dirk Nowitzki sein.“ Klar gab es auch zuvor schon Spieler, die „Range“ hatten. Ich denke da an Vlade Divac oder Arvydas Sabonis. Aber Nowitzki hat das Ganze auf ein völlig neues Level gehoben. Hinzu kommt, dass er in jungen Jahren unglaublich mobil auf dem Feld war, ein für seine Größe exzellentes Ballhandling hatte und sogar mit Spin-Moves zum Korb ziehen konnte. Als wir 2011, in Dirks Meisterjahr, gegen ihn spielten, waren es nicht seine Dreier, die ihn so stark machten. Nein, es waren seine Stärke von der Freiwurflinie und seine Beständigkeit aus der Mitteldistanz, die ihn unschlagbar machten.

Du hast neben einem Oscar und einem Emmy auch fünf Championship-Ringe zu Hause. Ist es fair, Spieler nach Ringen zu bewerten?

Ich denke, man kann diese Frage nicht grundsätzlich beantworten. Es kommt darauf an: Auf der einen Seite gab es in der Geschichte der NBA fantastische Spieler, die nie einen Ring gewonnen haben. Auf der anderen Seite ist es aber nun mal das Ziel, am Ende NBA-Champion zu werden. Fest steht auch, dass Basketball ein Teamsport ist. Als Individuum kannst du Großes vollbringen: Du kannst ein Team führen, die entscheidenden Würfe treffen oder spielentscheidende Stopps in der Defense liefern. Aber du kannst nichts ohne deine Mitspieler erreichen. Magic Johnson hatte Kareem Abdul-Jabbar und James Worthy, Jordan hatte Scottie Pippen, und ich hatte Shaquille O’Neal und später Pau ­Gasol. Allein kannst du nichts gewinnen. Aber auch wenn es wirklich großartige Spieler gibt, denen es, aus welchen Gründen auch immer, nicht vergönnt war, eine Championship zu gewinnen, bin ich unter dem Strich trotzdem der Meinung, dass es zumindest nicht völlig unfair ist, Spieler an ihren Ringen zu messen. Denn das ist es, worum es im Sport geht.

Du hast selbst viele Erfahrungen mit Verletzungen. Wie ­bewertest du die seltsame Verletzung von Kawhi Leonard in der vergangenen Saison?

Das Wichtigste bei Verletzungen ist, sich eine zweite Meinung einzuholen. Und das sage ich, ­obwohl ich Mitglied einer unfassbar guten Franchise war. Wenn es um deinen Körper, deine Gesundheit und deine Zukunft als Basketballer geht, musst du dir eine externe zweite Meinung einholen. Das hat er ­getan. Wenn man verletzt ist, sollte man nicht spielen. Es gibt kleinere Sachen, mit denen das möglich ist. Dann ist es einfach nur sehr schmerzhaft, aber man nimmt keinen nachhaltigen Schaden. Schmerzen kennt jeder, der lange Leistungssport auf höchstem Niveau betrieben hat, nur zu gut. Ich habe mir damals meinen Finger gebrochen und damit gespielt. Es tut höllisch weh, aber man kann damit spielen. Aber man ­sollte nie, wirklich nie, blind einem Teamarzt vertrauen. Niemand kennt den eigenen Körper besser als der Spieler selbst.

Wenn du das alleinige Sagen in der NBA hättest und Dinge verändern könntest, was würdest du tun?

Ich würde, wenn ich der alleinige Bestimmer wäre, die Regeln dahingehend ändern, dass physisch wieder sehr viel mehr erlaubt wäre. Für mich dürfte es auch wieder die guten alten Handchecks geben, die in den Neunzigern noch Standard in der NBA waren. Meine Vorstellung von Basketball ist sehr viel körperlicher, als es die heutige NBA ist. Versteht mich nicht falsch – ich trauere nicht den alten Detroit Pistons nach, die regelmäßig die Gesundheit eines Spielers gefährdeten, weil sie Spieler auch dann noch foulten, wenn sie bereits in der Luft waren. Aber ich mag es nicht, dass man für einen Schlag auf den Ball, bei dem man minimal die Hand des Gegenspielers berührt ein Foul kassiert. In der NCAA ist es sogar noch schlimmer als in der NBA. Das kann ich mir kaum noch ansehen. Teilweise reicht der Hauch eines Kontaktes für einen Pfiff. Das ist einfach nur lächerlich.

Also verstehst du die heftige Kritik, die sich die Schiedsrichter zuletzt gefallen lassen mussten?

Nein, das nicht. Wir behandeln die Schiedsrichter nicht anständig. Als Referee ist es dein Ziel, in einer TV-Übertragung nicht namentlich genannt zu werden, denn nur dann hast du deinen Job gut gemacht. Sie sind die besten Refs der Welt, und wir kritisieren sie dafür, dass sie einen unglaublich schweren Job nicht immer perfekt machen. Jeder Mensch macht Fehler. Ich denke, es ist für die Schiedsrichter auch nicht immer leicht, da sich der Spielstil ständig ändert. Was früher in Ordnung war, ist heute ein Foul.

Selbstverständlich müssen wir noch über den großen Lakers-Coup ­sprechen … Was sagst du zu L.A.Bron?

Wir haben zahlreiche Male bei den Olympischen Spielen zusammen­ gespielt. Außerdem kennen wir uns von zahlreichen All-Star-Games. Ich habe immer gesagt, dass wir uns in der Offseason mal zusammentun müssen, um gemeinsam zu trainieren, aber dazu kam es leider nie. Aber jetzt ist es so weit – er ist nun Teil der Lakers-Familie, und was immer er von mir braucht, werde ich ihm geben. LeBron versteht komplett, worum es bei den Lakers geht, und er hat in seiner Karriere nie Angst vor großen Herausforderungen gezeigt. Er ist der perfekte Fit zum perfekten Zeitpunkt für uns. Er wird sein Ding machen, das hat er immer in seiner langen, erfolgreichen Karriere.

Als der LeBron der Zukunft gilt Ben Simmons. Wie hast du seine Rookie-Karriere wahrgenommen?

Es hat ihm definitiv geholfen, dass er ein Jahr nicht spielen konnte. Er konnte so das Spiel als Zuschauer von der Tribüne aus studieren. Mir gefällt, dass er sein Tempo schon so gut variiert. Er hat die Offense immer voll im Griff. Man hat das Gefühl, dass er nie in Panik verfällt. Das sieht man in dieser Form bei Rookies eigentlich nie. Seine Größe ist ein riesiger Trumpf, aber er weiß bereits jetzt, wie er diesen nutzt. Viele Spieler brauchen ein paar Jahre, um aus ihren körperlichen Vorteilen Kapital zu schlagen – er nicht! Wenn er sich jetzt noch einen Wurf erarbeitet – denn das ist seine große Schwäche –, wird er die Liga auf Jahre dominieren und Philadelphia zur langersehnten Meisterschaft führen. Ich traue ihm diesen Schritt zu. Als Jason Kidd damals in die NBA kam, war sein Wurf schlecht. Dennoch wurde er schlussendlich zu einem der besten Dreierschützen der NBA-Geschichte.

Es dauert nicht mehr lange, bis du in die Hall of Fame aufgenommen wirst. Steve Nash, der in deinem Draft-Jahrgang war, ist es bereits. Hast du dich für ihn gefreut?

Ja, natürlich. Ich bin sehr glücklich, dass er in die Hall of Fame aufgenommen wurde. Ich freue mich so sehr für ihn! Ich erinnere mich noch, wie wir 1996 vor dem NBA-Draft beide da saßen und unfassbar aufgeregt waren. Alle Journalisten kümmerten sich nur um die Top-Prospects wie Allen Iverson, Marcus Camby, Ray Allen, Shareef Abdur-Rahim und Stephon Marbury. Steve und ich saßen unbeachtet in der Ecke (lacht). Und heute ist er in der Hall of Fame. Es ist Wahnsinn, was er erreicht hat. Sein Werdegang ist das Resultat harter Arbeit und eines großen Intellektes. Er hat das Spiel studiert und es geschafft, seine Schwächen in seine Stärken zu verwandeln.

Markus Unckrich

 

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