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BASKET

Der Messias namens Patrick Ewing

Das Schicksal von sieben NBA-Teams purzelt in einer Lostrommel aus Plexi­glas umher. Der rotierende Behälter wirbelt sieben weiße Briefumschläge durcheinander, jeder so groß wie eine Schallplattenhülle. Dann tritt NBA-Commissioner David Stern an die Lostrommel und zieht ein Kuvert heraus. „Das Team, dessen Logo sich in diesem Umschlag befindet, erhält beim NBA-Draft den ersten Pick“, sagt er. Anschließend wie­der­holt er die Prozedur für die anderen sechs Umschläge. Als Stern fertig ist, öffnet er die aufgereihten Kuverts in umgekehrter Reihenfolge.

Es ist eine große Show, die Stern und die Liga am 12. Mai 1985 inszenieren. Zum ersten Mal hat der NBA-Boss Vertreter der schlechtesten Teams aus der abgelaufenen Regular Season zusammengerufen. In einem Lotterie-Verfahren wird nun bestimmt, wer den Zuschlag für den Top-Pick bekommt. Stern tritt damit Franchises entgegen, die absichtlich Spiele herschenken, um am Saisonende mit der schlechtesten Bilanz dazustehen. Und sich so – bis 1984 – das erste Wahlrecht beim Draft „erspielen“ konnten.

Nur Losglück?

Der Zeitpunkt von Sterns Regel­änderung ist kein Zufall. Schließlich lechzt 1985 die ganze Liga nach einem Mann: Patrick Ewing, Center der Georgetown University, Olympiasieger und NCAA-Champion von 1984 und amtierender Collegespieler des Jahres. „Patrick war an der Uni so furchteinflößend, dass Gegenspieler Angst hatten, gegen ihn in die Zone zu ziehen“, beschrieb der ehemalige All Star Mark Jackson einst Ewings Dominanz. Manche Teams hätten freiwillig jedes Spiel der Saison 1984/85 verloren, um den 2,13-Meter-Hünen zu bekommen. Unter ihnen: die New York Knicks.

Die Franchise aus dem Madison Square Garden schließt die Spielzeit mit 58 Niederlagen ab, so viele wie seit 20 Jahren nicht mehr. Ihr Starspieler Bernard King hatte sich zuvor eine schwere Knieverletzung zugezogen, die fast seine Karriere beendet hätte. Nun drohen die Knickerbockers, zwölf Jahre nach ihrem letzten Titel in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Nur Patrick Ewing, so glauben die Fans, kann sie jetzt noch retten.

"Pat"Ewing war 15 Jahre das Gesicht der New York Knicks (Foto: Getty Images).

„Pat“Ewing war 15 Jahre das Gesicht der New York Knicks (Foto: Getty Images).

Viel zu perfekt

Und tatsächlich: Die Glücksfee scheint bei der skurrilen Prozedur im New Yorker Hotel Waldorf Astoria auf der Seite der Knicks zu sein. David Stern öffnet Umschlag um Umschlag. Jedes Mal ärgern sich Vertreter eines anderen Teams, dass es nicht zum Top-Pick gereicht hat. Die Knicks bleiben weiter im Rennen. Schließlich sind noch zwei Teams übrig, New York und Indiana. Als Stern aus dem vorletzten Kuvert ein Pacers-Logo zieht, brandet Jubel im Big Apple auf – Ewing kommt nach New York. Stolz hält Knicks-Sportdirektor Dave DeBusscherre ein Trikot mit Ewings Namen in die Kameras.

Ein perfekter Tag für die NBA. Vielleicht zu perfekt? Bis heute halten sich hartnäckige Gerüchte, dass die Liga die Ziehung manipuliert hat, um Ewing bewusst nach New York zu lotsen. Der Umschlag mit dem Knicks-Logo sei tiefgekühlt gewesen oder habe verdächtige Knicke aufgewiesen, mutmaßen Verschwörungstheoretiker. Einen Beweis gibt es bis heute nicht. Aber selbst Ewing schließt auch 30 Jahre später nicht aus, dass er nicht ganz zufällig im Big Apple landete. „Wenn mir David Stern heute sagen würde, dass die Lottery manipuliert war, wäre ich nicht überrascht“, erzählte er im Mai dem US-Portal Bleacher Report.

Erfolg bleibt aus

Ob bewusst oder zufällig: Der Hype um Ewing kennt 1985 keine Grenzen. Der Sohn jamaikanischer Einwanderer wird im Madison Square Garden wie ein Heiliger empfangen, der Messias kehrt ein in das Mekka des Basketballs. Seine Bestimmung: die Meisterschaft zurück nach New York bringen. Ein großer Auftrag – zu groß für Ewing.

Zwar spielt Ewing eine starke Debütsaison, wird mit durchschnittlich 20,0 Punkten, 9,0 Rebounds und 2,1 Blocks zum „Rookie of the Year“ gekürt. Doch der Jungstar schafft es nicht, die Knicks zurück in die Erfolgsspur zu führen. 1985/86 verliert New York mit Ewing 59 Partien, in der folgenden Spielzeit 58. Hoffnung schlägt in Wut um, als Fans anfangen, ihn bei Heimspielen auszubuhen. „Sie erwarteten, dass er genau wie am College auch in der NBA Spiele in Serie gewinnen würde“, erinnerte sich Teamkollege Ernie Grunfeld Jahre später. „Aber Basketball ist ein Mannschaftssport. Patrick konnte ohne gute Mitspieler nichts ausrichten.“

Patrick Ewing beim Kampf um den Rebound gegen Scottie Pippen (Foto: Getty Images).

Patrick Ewing beim Kampf um den Rebound gegen Scottie Pippen (Foto: Getty Images).

Erst Ende der 80er schaffen es die Verantwortlichen, Ewings Supporting Cast zu verstärken. Angeführt von ihrem Center entwickeln sich die Knicks zu einem der besten Teams der Liga. Doch die Meisterschaft bleibt Wunschdenken. Der Grund: Michael Jordan. Fünf Mal scheitert New York in den Playoffs an den Bulls. Nur 1994 und 1999 schaffen es die Knicks in die Finals – als „MJ“ eine Auszeit vom Basketball nimmt. Doch auch gegen die Rockets (1994, 3:4) und die Spurs (1999, 1:4) ziehen die Knicks den Kürzeren. Ewing kann sein Team nicht ins Gelobte Land führen.

Mit den Fans hat sich Ewing da schon längst versöhnt. Als die Knicks ihn 2000 nach Seattle traden, hält Ewing mehr als ein Dutzend Bestwerte der Franchise-Historie: Kein Spieler er­ziel­te bis heute mehr Punkte für die Knicks (23.665), niemand holte mehr Rebounds (10.759), blockte mehr Würfe (2.758) oder schnappte sich mehr Steals (1.061). Heute gilt Patrick Aloysius Ewing als der beste Spieler, der je für das Team aus dem Big Apple aufgelaufen ist. Auch ohne Meistertitel.

Thilo Neumann

Dieser Artikel wurde in der BASKET 01/2016 veröffentlicht.

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