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BASKET

Aus dem Schatten

Kyrie Irving und LeBron James von den Cleveland Cavaliers besprechen sich in einer Auszeit eines NBA-Spiels.

Top-Duo: Kyrie Irving und LeBron James müssen sich in den Playoffs besser ergänzen, um eine Chance auf den Titel zu haben.

Am 10. März hieß es zum 22. und zugleich letzten Mal: Kobe Bryant vs. LeBron James. Die „Black Mamba“ gegen den „König“. Was das mit Cavs-Playmaker Kyrie Irving zu tun hat? Eine ganze Menge. Denn bei all dem Schatten, den das letzte Duell der beiden Lichtgestalten geworfen hat, sorgte ausgerechnet eine Aussage von Altmeister Kobe über LeBrons Teamkollegen am nächsten Tag für Schlagzeilen. „Jedes Team braucht einen Blitzableiter. Einen Spieler, der für eine gewisse innere Spannung und Reibung sorgt. LeBron ist nicht dieser Spieler. Er bringt die Leute zusammen, also brauchst du jemand anderen, der dafür sorgt. Ich kann es von außen schwer beurteilen, aber vielleicht ist Kyrie dieser Spieler.“

Großer Hoffnungsträger
Die Black Mamba hat gesprochen und trifft den Nagel damit ziemlich zielgenau auf den Kopf. Denn wenn die Cleveland Cavaliers ihre turbulente reguläre Saison – wilde Trade-Gerüchte und Trainer-wechsel inklusive – in einen erfolgreichen Playoff-Run umwandeln möchten, dann hängt unglaublich viel von dem 23-jährigen Point -Guard mit australischen Wurzeln ab. Kyrie Irving ist der Hoffnungsträger der Cavs-Nation. Der Spieler, der den Kampf um die NBA-Krone gegen die Warriors (2:4) im vergangenen Jahr nach nur einem Spiel mit einem Kniescheibenbruch -verpasste. Der Spieler, dessen Ausfall den Ausgang der besagten Finals maßgeblich mitentschieden hat. Seit Ende Dezember schnürt der dreifache All Star (2013–15) und Weltmeister (2014) wieder die Schuhe für den amtierenden Vizemeister und ist dabei fast wieder der Alte. Mit 19,8 Punkten, 4,6 Assists, 2,8 Rebounds bei einer Wurfquote von 46,7 Prozent aus dem Feld liegt Kyrie nur knapp unter seinen durchschnittlichen Karrierewerten. Dabei stand die Nummer 2 der Cavs bisher lediglich 30,5 Minuten pro Partie auf dem Parkett – ganze sechs Zeigerumdrehungen weniger als in der Vorsaison und insgesamt so wenige wie zuletzt in seiner Rookie-Saison 2011/12.

Auf dem 1,91 Meter großen Playmaker ruhen also große Hoffnungen. Wenn sein Körper in den Playoffs für mehr Minuten bereit ist, dann können die Cavaliers nochmals eine Schippe drauflegen und womöglich die offensichtliche Lücke zu den Topteams aus dem Westen schließen. So weit zumindest die Titelrechnung der Cavs. „In den Playoffs wird es verdammt wichtig sein, dass Kyrie auch das Zepter des Handelns in die Hand nimmt“, erklärt Ex-Profi und TV-Experte Brent Barry. „Gerade in den Phasen, wenn LeBron eine Pause braucht, wird er als Go-to-Guy des Teams gefragt sein.“ Wie das konkret aussehen kann, beweist Irving am besagten Abend des 22. März auf eindrucksvolle Art und Weise. Das Duell zwischen Kobe und LeBron steht zwar im Fokus der Medienvertreter, doch Kyrie Irving avanciert mit 26 Zählern letztlich zum Matchwinner. Er ist es, der im letzten Viertel seinen Gegenspieler Marcelo Huertas nach allen Regeln der Basketball-Kunst vernascht und wie einen armen Schuljungen aussehen lässt. Im Eins-gegen-eins-Duell ist er aufgrund seiner Schnelligkeit und seines Ballhandlings nicht zu halten. Drei Pullup-Jumper, ein Korbleger, zwei Freiwürfe und drei Assists stehen für Irving am Ende des Viertels zu Buche, womit er für 17 der 25 Punkte verantwortlich ist.

Großes Selbstbewusstsein
Kyrie Irving, der 2011 als Nummer-eins-Pick vorübergehend zum neuen Messias der Cavs auserkoren wird und in LeBrons Fußstapfen treten soll, ist also auch nach seiner Verletzung in der Lage, die Rolle des Anführers einzunehmen. Es ist eine Rolle, die der 23-jährige Playmaker gerne ausfüllt, weshalb er Kobe Bryants Aussage wenige -Tage später unterstreicht. „Er hat das gut gesagt. Er ist selbst einer der größten Spieler aller Zeiten und hat bei verschiedenen Meisterschaftsteams die Rolle des Wortführers übernommen“, erklärt Kyrie. „Wenn wir mit unserem Team auch dorthin kommen möchten, dann muss ich mich steigern und dieser andere Leader unserer Mannschaft neben LeBron sein. Das steckt auch definitiv in meiner Persönlichkeit. Ich habe ein paar Jahre gebraucht, um in diese Rolle hineinzuwachsen, mir den Respekt meiner Mitspieler zu erarbeiten und letztlich auch selbst meine Leistung kontinuierlich zu bringen.“

Gerade Letztere bringt Irving nach seiner Knieverletzung immer besser. So zaubert er im März mit 23,5 Punkten und einer Feldwurfquote von 50 Prozent jeweils Karrierebestwerte aufs Parkett und kommt genau zum richtigen Zeitpunkt in Fahrt. Dass er nun auch bereit ist, die Verantwortung zu übernehmen, und neben LeBron James als Anführer existieren möchte, beruhigt auch die Cavs-Fans. Denn zuletzt häuften sich Medienberichte, dass sich der einstige Franchise-Player in der -Arbeiterstadt Ohios nicht mehr wohlfühle. „Dazu gibt es nicht viel zu sagen. Als erfahrener Spieler weiß ich, welche Möglichkeiten wir hier haben, um erfolgreich zu sein“, stellt Irving klar. „Ich kommuniziere mit allen Teamkollegen offen und ehrlich, um auch zu wissen, welche Gefühle sie haben. Was die anderen Leute daraus für Geschichten machen, ist mir manchmal schleierhaft, aber sie suchen sich jede Woche einen anderen Spieler raus. Für mich geht es aktuell nur ums Gewinnen einer Meisterschaft!“ Selbstbewusste Worte, denen Irving nun Taten folgen lassen muss. Zeit, endlich aus dem Schatten zu treten.

Der Text erschien in der aktuellen BASKET-Ausgabe (seit dem 13. April am Kiosk).

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