fbpx
BASKET

Jason Richardson unterschreibt bei den Hawks

Wie vor einigen Tagen bekannt wurde, unterschrieb Jason Richardson bei den Atlanta Hawks einen Ein-Jahres-Vertrag über das Veteran-Minimum von 1,45 Millionen US-Dollar. Diesen bekommt der 34-jährige Flügelspieler allerdings nur ausbezahlt, wenn er es schafft, sich in den finalen, 15-Mann-Kader zu kämpfen. Richardson hatte nach einer Knieverletzung im Januar 2013 mehr als zwei Jahre nicht mehr auf dem Platz gestanden, bevor er letzte Saison 19 Partien für die Philadelphia 76ers absolvierte und in diesen durchschnittlich 9,1 Punkte in 21 Minuten ablieferte.

Vielgereister Veteran

Der 102 Kilogramm schwere Zweier besitzt nach 14 Jahren in der Liga massig Erfahrung: Gedraftet wird Jason Richardson 2001 von den Golden State Warriors, bei denen er auch seine ersten sechs Saisons verbringt und zum Star avanciert (18,6 Punkte im Schnitt). Als Team-Captain führt der spektakuläre Dunker seine Mannschaft 2006/07 zum ersten Mal seit 13 Jahren in die Playoffs – wo ihnen direkt eine historische Überraschung gelingt: In der ersten Runde besiegt man als Achtplatzierter in der Western Conference die bestplatzierten Dallas Mavericks (67! Saisonsiege) um Superstar und Season-MVP Dirk Nowitzki. In den Jahren 2002 und 2003 gelingt es „J-Rich“ zudem, den Slam-Dunk-Contest zu erobern. Den Titel mehrmals zu gewinnen schafften außer ihm nur Michael Jordan (2), Dominique Wilkins (2) und Nate Robinson (3).

Jason Richardson ist einer der ältesten Spieler der Liga (Getty Images)

Jason Richardson ist einer der ältesten Spieler der Liga (Getty Images)

Trotz seiner guten Leistung entwickelt sich Richardson zum NBA-Nomaden, spielt zunächst eineinhalb Jahre für die Charlotte Bobcats, bevor er während der Spielzeit 2008/09 zu den Phoenix Suns weitergereicht wird. Dort ist er Teil der Mannschaft, die unter der Regie des späteren Hall-Of-Famers Steve Nash in die Western-Conference-Finals vordringt und gegen den späteren Meister Los Angeles Lakers ausscheidet.

Während der Saison 2010/11 beginnt ein Umbruch in Phoenix und Richardson wird nach 25 Begegnungen zu den Orlando Magic getradet. Nachdem die Magic zweimal die Playoffs erreichen, fällt Richardson dem „Dwightmare“ zum Opfer und landet als Teil des vier Mannschaften umfassenden „Dwight-Howard-Mega-Trade“ bei den Philadelphia 76ers. Nach den ersten 33 Partien der Spielzeit zieht sich Richardson eine Knieverletzung zu, die ihn für eineinhalb Jahre an die Seitenlinie verbannt …

Ist Atlanta das richtige Team?

Weg zu sein aus Philadelphia und einer Franchise, die in den vergangenen Jahren das „Verlieren-zum-Gewinnen-Prinzip“ auf die Spitze getrieben hat, bedeutet für Richardson, seine letzten Karriere-Jahre bei einer starken Playoff-Mannschaft zu verbringen und ihr mit seiner Erfahrung zu helfen. Trotzdem stellt sich die Frage, wie gut Richardson ins Team passt?!

Die Falken sind auf der Position des Shooting Guards nämlich tief besetzt: Neben dem unter Vertrag stehenden Star-Shooter Kyle Korver (letzte Saison 49,2 % von der Dreierlinie, NBA-Rang 2), wurde in der Offseason zusätzlich der 23-jährige Tim Hardaway Jr. von den New York Knicks verpflichtet. Obwohl die Feldwurfquote des Youngsters in der vergangenen Spielzeit leicht sank, konnte er sowohl seine Minuten (von 23,1 auf 24,0 pro Spiel) als auch seine Punkte (von 10,1 auf 11,2 pro Spiel)  steigern. Zieht man in Betracht, dass New York einen schlechten Kader hatte und gerade nach Carmelo Anthonys saisonbeendender Knieverletzung eine zu hohe Arbeitsbelastung auf die verbleibenden, jungen Akteure verteilt wurde, sollte man Hardaway Jr. nicht unterschätzen. Im Gegenteil ist eher zu erwarten, dass er im schnellen und teamorientierten System von Hawks-Coach Mike Budenholzer seine Effektivität steigern kann!

Außerdem beschäftigen die Hawks noch den 26-jährigen Kent Bazemore. Obwohl seine Stats während der ersten Saison in Atlanta gefallen sind, hat er in Los Angeles gezeigt, dass er auch eine größere Rolle ausfüllen kann. In 23 Spielen für die Lakers erzielte er 13,1 Punkte pro Partie, bei einer Feldwurfquote von 45,1 %.

Auf dem Small-Forward-Spot sind die Hawks hingegen nach dem Abgang von DeMarre Carroll zu den Raptors sehr dünn bestzt. Hier bleiben hinter dem schweizer Defensiv-Ass Thabo Sefolosha nur die unerfahrenen Lamar Petterson und Terren Petteway. Allerdings: Wie stark ist Sefolosha nach seinem Schienenbeinbruch?

Hier könnte der Grund für die Verpflichtung Richardsons’ zu finden sein. Sollte Sefolosha bis Beginn der Regular-Season nicht mehr fit werden, könnte Mike Budenholzer Richardson oder Korver auf die Forward-Position ziehen, und mit drei Guards in der Startaufstellung spielen. Auch wenn Sefolosha noch bis zum Start der Saison genesen sollte, könnten so in der Rotation hinter dem Schweizer einfacher Lücken geschlossen werden.

Probleme für Schröder!

Dabei gibt es zwei Probleme: Die Verteidigung und die Rotation! Gegen die großen und starken Small Forwards der Liga vom Kaliber eines LeBron James und Co. könnte Atlantas Arsenal an Wingmen schlicht zu schwach und zu klein sein.

Die neue Rotation könnte sich besonders ungünstig auf Schröders Spielzeit auswirken. Durch die Verpflichtung von zwei neuen Backcourt-Spielern tummeln sich nun sage und schreibe sieben Guards auf den zwei Positionen. Damit wurde die Möglichkeit, Starter Jeff Teauge und den deutschen Back-Up-Point-Guard mehr zusammen spielen zu lassen, weitgehend eliminiert. Selbst wenn Richardson hinter Sefolosha hauptsächlich auf der Drei agiert, werden für den schnellen Deutschen auf der Zwei kaum Minuten zur Verfügung stehen.

Schröder wird bei der Europameisterschaft in Deutschland eine Führungsrolle in der Nationalmannschaft übernehmen und es ist davon auszugehen, dass er motivierter denn je aus seinem Sommer – in dem er ja Dirk Nowitzkis Team-Kollege ist – zurückkehrt. Der 21-jährige hat bereits angekündigt, auf lange Sicht nicht die Rolle des Back-Ups einnehmen zu wollen. Sollten es Budenholzer und sein Coaching-Staff nicht schaffen, Dennis genug Minuten hinter Teague freizuräumen, könnte es zu Problemen kommen und Schröders Entwicklung sowie Bereitschaft, sich langfristig an Atlanta zu binden, beeinträchtigt werden.

Alternativen?

Das Angebot an Small Forwards, die für das Veteran-Minimum spielen werden, war dünn. Besonders diesen Sommer, in dem zweistellige Millionenverträge fast zum Fenster rausgeworfen wurden, lässt sich bezweifeln, dass die Falken auf der Jagd nach einem solchen Mann viel Erfolg gehabt hätten. Andere Franchises bieten einen einfacheren Weg in die Finals. Trotzdem hätte man einen Blick in Richtung Landry Fields oder dem früheren Defensiv-Ass sowie Championship-Gewinner Tayshaun Prince werfen können, um die Tiefe auf der Drei zu erhöhen …

Was ist also von dem Veteran Jason Richardson zu erwarten?

Die Wahrscheinlichkeit, dass Richardson es in den Kader schafft, ist groß. Atlanta hat genug junges Talent auf den Guard- beziehungsweise Flügelpositionen, will dieses Entwickeln. Dabei helfen kann der erfahrene 1,98-Meter-Mann auf jeden Fall, sodass er sicherlich den Vortritt vor anderen, jüngeren Alternativen bekommen wird.

Im schlechtesten Fall merken die Hawks schnell, dass Richardson nicht mehr explosiv genug ist, um in der Defensive mit dem Rest der Liga mitzuhalten und Mike Budenholzer hat niemanden, den er hinter Sefolosha überzeugend auf die Drei stellen kann. Aufgrund seiner Erfahrung erhält Richardson oft den Vortritt vor Bazemore und Hardaway Jr. Dadurch frisst er Minuten, die nicht nur die Entwicklung der jungen Guards stören, sondern auch verhindern, dass Schröder und Teague zusammen auf dem Platz stehen.

Im besten Fall wird Sefolosha noch vor Saisonbeginn wieder fit. Richardson agiert hinter ihm und Korver auf den Positionen Zwei, aber hauptsächlich Drei gegen die Auswechselspieler der anderen Mannschaften. Er lebt von Atlantas Offensivsystem und bekommt genügend offene Dreier, um sechs Punkte in zehn Minuten pro Nacht aufzulegen. Im Training und der Postseason hilft er durch seine unglaubliche Erfahrung, den jungen Backcourt der Falken zu entwickeln und zu stabilisieren.

Richardson wird nicht mehr spielen wie vor seiner Verletzung, aber wenn er zumindest in Zügen an alte Leistungen anknüpfen kann (seine 29 Punkte gegen die Thunder letzte Saison machen Hoffnung) und konstante Leistung bringt, wird er eine gelungene Offseason-Verstärkung für Atlanta sein. Die Frage ist nur, wie sich das auf Dennis Schröders Minuten auswirken wird …

Text: Sebastian Hildebrandt