BASKET

Closer gesucht

Die Dallas Mavericks verspielen hohe Führungen und sehen in der Crunchtime verdammt alt aus. Ein hausgemachtes Problem, das einer detaillierten Untersuchung bedarf – ja, es ist wieder an der Zeit einen Status quo über meine geliebten Dallas Mavericks zu verfassen. Und soviel sei vorweggenommen: Er hätte positiver ausfallen können.

Jegliche Euphorie, sofern sie nach einem ordentlichen 9:4-Start vorhanden war, hat sich nach der 87:88-Pleite in Atlanta wieder in Luft aufgelöst. Und zwar so schnell wie die kaum existierende Team-Defense der Mavs (Rang 29, 103,0 GPS). Es gibt diese Spiele, die Schmach in ATL gehört zweifellos dazu, da muss man als Fan verdammt stark sein. 17 Punkte Vorsprung schmelzen Stück für Stück dahin und man spürt das Unheil unaufhaltsam auf sich zu kommen. (Dieses Gefühl ist mir am stärksten aus Spiel 4 der 2011er Playoffs gegen Portland präsent. Wow, habe ich damals gelitten und nach Brandon Roys Führungstreffer mit einer beherzten Armbewegung den Schreibtisch gründlich aufgeräumt). Ja, man spürt in diesen Momenten einfach, dass die eigenen Farben nicht als Sieger das Parkett verlassen werden und dann erhält man mit voller Wucht die traurige Gewissheit: BÄM! Schön den Game-Winner ins Gesicht. Da mag er wie jetzt gegen die Hawks noch so hässlich sein – Al Horford springt bei seinem Jumper ja wenn überhaupt nur zwei BASKET-Ausgaben hoch, aber drin ist drin und auf der Anzeigetafel leuchtet plötzlich eine 88 neben der 87 auf.

Crunchtime-Misere

Gut, es bleiben vier Sekunden und Trainerfuchs Rick Carlisle macht von seiner letzten Auszeit Gebrauch. Der Glaube ist dahin, die Chance per Buzzer Beater den Kopf aus der Schlinge zu ziehen aber noch nicht oder? BÄM! Da trifft dich der nächste Tiefschlag. Vince – wer auch sonst soll den Helden spielen, wenn Dirk auf dem Court steht?! – Carter hat die Ehre den letzten Wurf zu nehmen und trifft … nicht einmal den Ring. Drei von 17 aus dem Feld lautet damit die Wurfausbeute der Mavs im Schlussabschnitt und das bisher schlimmste Saisonspiel bekommt seinen krönenden Abschluss.

Es ist für einen Beobachter der Mavericks ja nichts neues, dass die Texaner chronische Schwierigkeiten damit haben ein Spiel nach Hause zu fahren. Doch in der Vergangenheit war es immerhin so, dass die 20-Punkte-Führung hergeschenkt wurde und „Dirkules“ oder der „Jet“ das Ding irgendwie noch gerettet haben. Nicht schön, aber mit dieser Marotte konnte man noch irgendwie leben. Seit geraumer Zeit haben die Mavs in diesem Punkt jedoch ein neues Level erreicht. 2012/13 und scheinbar auch in dieser Spielzeit heißt der Mann für die entscheidenden Momente Vince Carter. Es ist kein Geheimnis, dass ich „Vinsanity“ nicht besonders positiv gegenüberstehe, aber bei aller Liebe ist er derzeit der mit Abstand  schwächste Maverick. Und das Rennen um diese Position ist nicht einmal eng. 37 Prozent Trefferquote aus dem Feld, fast alle zwölf bisher eingesetzten Akteure beweisen ein besseres Händchen (Shane Larkin und Ricky Ledo genießen in diesem Fall mal Welpenschutz).

Dallas vs. ATL 1

Völlig frei: Wayne Ellington

Eng gedeckt: Vince Carter

Eng gedeckt: Vince Carter

Schlimmer als im Vorjahr

Warum also nimmt Vince permanent den letzten Wurf? Seine Ausbeute in dieser Saison bei 60 verbleibenden Sekunden und einem Spielstand innerhalb von drei Punkten lautet zwei von acht. Zwei Treffer bei acht Versuchen!

Nun, wir werden es wohl nie erfahren. Genauso wie wir nie erfahren werden, warum Shawn Marion im Spiel gegen Atlanta einen völlig (!) blanken Wayne Ellington (immerhin ein 35,7 %-iger 3er-Schütze) übersah. Uns bleibt nur eine Feststellung und die lautet: „Den Mavs fehlt ein Closer“ (Ja, ist irrwitzig, da man ihn ja eigentlich in den eigenen Reihen hat). Bei dieser Diskussion geht es nicht mal darum mit Vince Carter einen Sündenbock auszumachen, schließlich ist Basketball noch immer ein Teamsport und auf das Fußballstammtischniveau getrau dem Motto „Der will oder der kann nicht!“ sollte man sich nicht herablassen.

Nein, das Versagen in der Crunchtime ist sicherlich ein generelles Problem. In dieser spielentscheidenden Phase (hier: die letzten drei Minuten, wenn der Spielstand innerhalb von fünf Punkten liegt) treffen die Mavs erbärmliche 35,7 Prozent (10 von 28) ihrer Würfe. In der letzten Saison – und dort verlor Dallas satte acht Spiele mit drei oder weniger Punkten – waren es immerhin 40,8 Prozent. „Wir müssen besser werden, stärker attackieren“, zeigte sich Nowitzki selbstkritisch und betonte gleichzeitig. „In dieser Liga kommt es darauf an die wichtigen Würfe zu treffen“.

Gefragt: Clutch-Performer Dirk Nowitzki

Gefragt: Clutch-Performer Dirk Nowitzki

Knackpunkt Spielmacher

Richtig, und diese Würfe muss man sich erarbeiten. Dafür braucht es nach Möglichkeit Spieler, die richtige Entscheidungen treffen. Spieler mit einem hohen Basketball IQ. Spieler, die in der heißen Phase Eier in der Hose haben, Ruhe bewahren und den Closer in Szene setzen. Den Mavs fehlt seit dem Abgang von Playmaker Jason Kidd ein solcher Spieler. Die größte Stärke von J-Kidd war in meinen Augen seine immer gleiche Ausstrahlung. Ob 20 Punkte hinten oder 20 Zähler vorne, ob Garbage-Time oder Crunchtime: Jason hatte schlichtweg immer diesen gleichen emotionslosen, aber fokussierten Gesichtsausdruck. Mit dieser Mentalität hat er seinen Teams hunderte Spiele gewonnen. Aber was hilft es schon alten Spielern nachzutrauern? Jason Kidd, Jason Terry, DeShawn Stevenson (Yes, er schafft es auch in meine zweite Dallas-Kolumne)… die Liste ließe sich ja ewig weiterführen. Letztlich haben die Mavs diesen Playmaker nicht und der Ausfall von Jose Calderon (macht offensiv ja keinen schlechte Job) wiegte gegen Atlanta und jüngst Minnesota (Gott, dieses Spiel wurde so abgeschenkt) schon schwer genug.

Kein Zweifel: der große Blonde, seinerseits einer der besten Closer der NBA-Geschichte ist mal wieder gefragt und muss mehr eingesetzt werden. Die  Lebensversicherung der Mavs, das Pick-and-Pop zwischen ihm und Monta muss auch in der Crunchtime fruchten und weiterhin gespielt werden. Bisher verwandelten die Mavs aus diesem Play heraus zwar nur zwei ihrer zwölf Versuche, aber in der entscheidenden Phase will ich einen meiner zwei besten Spieler am Ball sehen. „Die Teams stellen sich am Ende einer Partie besser darauf ein und switchen. Wir müssen die Situation dann geschickter ausspielen. Ich muss im Post oder High Post isoliert werden und attackieren und Monta muss gelegentlich seinem Wurf vertrauen.“

So sieht´s aus, Dirk. So haben Jason Terry und Du in zahlreichen engen Spielen den Deckel drauf gemacht. Es kann also nur besser werden und am Dienstagabend sind zum Glück die Bobcats zu Gast. Riecht streng nach Sieg, den man angesichts eines anschließenden Roadtrips gegen die Pelicans, Blazers, Kings und Warriors (die Mavs stehen auswärts 2-6) dringend benötigt. Ansonsten werden die Fans weitere Qualen leiden, wenn mal wieder eine 100-Punkte-Führung verspielt wird und der einzige Ausweg zur Rettung Vince Carter lautet.

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