BASKET

Roberson: Was kann der Typ eigentlich?

Andre Roberson ist seit Jahren in der Starting Five der Thunder gesetzt. Selbst Starzugänge wie Paul George und Carmelo Anthony sind kein Grund, den Guard auf die Bank zu setzen. Was also macht Roberson aus? BASKET erklärt das besondere Phänomen des 26-Jährigen.

In einer Ära, in der der Dreipunktewurf wichtiger denn je ist, in der das Spiel von außerhalb des „Arcs“ prägender ist als jemals zuvor, ist die Eigenschaft, ein Non-Shooter zu sein, so ziemlich das schlechteste Attribut, das ein NBA-Spieler besitzen kann. Und doch finden Spieler wie Marcus Smart, Justise Winslow oder Michae­l Kidd-Gilchrist ihre Rollen innerhalb der Teams. Mit Distanzwurfquoten, die nur im absoluten Ausnahmefall die 30-Prozent-Marke überschreiten, strahlen sie zwar so gut wie gar keine Gefahr aus der Ferne aus, machen dieses Defizit am anderen Ende des Feldes aber wieder wett. Es gibt allerdings einen Spieler, der die Eindimensio­nalität in der NBA auf die Spitze treibt: Andre Roberson. Der Guard der Oklahoma City Thunder gilt seit Jahren als einer der besten Verteidiger der Liga und wird meistens auf die Stars des gegnerischen Teams angesetzt. Doch hilft er seinem Team als sogenannter „Shooting Guard“, der nicht werfen kann, wirklich weiter?

Die kleinste aller Rollen

Wenn Andre Roberson auf dem Feld steht, ist er zumindest in den Angriffen der Thunder zu so gut wie gar nicht zu gebrauchen. Das ist nicht einfach so dahergesagt. Statistische Beweise dafür gibt es zuhauf. Durch die Zugänge von Paul George und Carmelo Anthony war klar, dass Roberson eine noch kleinere Rolle in der Offensive der Thunder spielen würde als ohnehin schon. Durch die neuen Optionen im Spiel seiner Mannschaft ist es für ihn deutlich schwerer geworden, Einfluss auf das Spielgeschehen zu nehmen. Point Guards und Big Men können der Offense immerhin durch Pick-and-Roll-Spielzüge Leben einhauchen. Doch da seine Mitspieler um die sehr beschränkten Fähigkeiten Robersons wissen, sieht der 26-Jährige so gut wie nie den Ball. Wenn er auf dem Parkett steht, schließt er in nur 8,5 % der Fälle einen OKC-Angriff selbst ab. Diesen Wert bezeichnet man auch als „Usage Rate“. Zum Vergleich: Marcus Smart, der ähnlich offensivschwach agiert, dafür aber ebenfalls Qualitäten in der Verteidigung besitzt, hat eine Usage Rate von immerhin 19,5 %. Von allen Spielern, die 20 Spiele oder mehr gemacht haben, hat Roberson damit den zweitkleinsten Wert. Nur Eric Moreland von den Detroit Pistons schließt noch weniger Angriffe ab. Dieser ist aber Center, kommt von der Bank und nimmt nur einen Wurf pro Spiel. Alles­ in allem also ein katastrophaler Wert des 26. Picks von 2013.

Mit 0.9 Blocks pro Spiel kratzt Roberson an seinem Career-High (1,0) (Foto: Getty Images).

Westbrook, „PG13“ und alle anderen Mitspieler Robersons können sich darauf einstellen, dass, wenn Roberson den Ball zugespielt bekommt und sich entschließt, zum Korb zu gehen, meist nichts Gutes dabei herauskommt. In 15,3 % der Fälle kommen entweder seine Pässe nicht beim Teamkollegen an, oder er verliert den Ball im Dribbling. Seine Verteidiger wissen bereits vor Spielbeginn, dass von ihm kaum Gefahr ausgeht, und lassen ihn teilweise mutterseelenallein auf dem Feld stehen. Nimmt die Nummer 21 der Thunder den Wurf von Downtown, trifft er nur unter­irdische 21,9 % seiner Versuche. Mit diesem Wert ist er einer der am schlechtesten treffenden Guards­ der Liga. Will er abschließen, nimmt jedoch nicht den offenen Dreier, ist seinen Gegen­spielern mehr oder weniger klar, was passiert: Er wird zum Korb ziehen. Denn ein von Roberson ausgehendes Postup oder ein Midrange-Jumper sind so wahrscheinlich wie ein Comeback von Bill Russell. In seiner gesamten Karriere, die bis dato immerhin um die 300 Spiele umfasst, hat er erst 21 Würfe­ aus der Halbdistanz genom­men. Team­mate Carmelo Anthony versucht dennoch, Geduld­ zu bewahren: „Ich glaube, dass er sich immer mehr akklimatisiert. Wenn er aber weiter offene Würfe ungenutzt lässt, kann uns das in schwierige Situationen bringen.“

Fluch und Segen zugleich

Doch so unbrauchbar Andre Roberson in der Offense auch sein mag, in der Verteidigung ist er ein absolutes Ass. Dass die Thunder-Defense automatisch gestärkt wird, wenn er auf dem Hardwood steht, beweisen auch Statistiken aus dem letzten Jahr. Die effektiven Feldwurfquoten von Harden, James, DeRozan und Hayward sanken um bis zu 40 %, sobald Roberson diese verteidigte. Nicht zu Unrecht wurde er am Ende der letzten Spielzeit als eine Art „Superstar-Stopper“ in das NBA „All-Defensive Second Team“ gewählt. In knappen Spielen ist er aber Fluch und Segen zugleich. Die Gegner OKCs erzielen pro 100 Angriffe zwar elf Punkte weniger, wenn er spielt, doch wenn es für die Kontrahenten gilt, kleine Rückstände ohne viel Zeitverlust aufzuholen, ist die Marschroute klar: Andre Roberson so oft an die Freiwurflinie zwingen wie nur möglich. Unter anderem die Houston Rockets hatten mit dieser Taktik in der ersten Playoff-Runde 2017 Erfolg. Die Texaner lagen nach Spielen mit 2:1 in Führung und wollten in Oklahoma City einen wichtigen dritten Sieg einfahren, womit sie einen­ Matchball daheim in Houston hätten. Also schickten die Rockets Roberson per „Hack a Shaq“-Strategie für zwölf Freiwürfe an die Linie, von denen er nur zwei verwandeln konnte. Mit diesem Plan gewannen Harden und Co. Spiel vier und anschließend auch die Serie.

Was in dieser Saison konstatiert werden muss: Robersons Wichtigkeit bzw. seine Rolle im Team nimmt stetig ab. Zu sehen ist das unter anderem an seiner schwindenden Spielzeit (26 statt 30 MIN). Mit der Verpflichtung von George haben die Thunder einen exzellenten Perimeter-Verteidiger gelandet, der die gleichen Positionen wie Roberson einnehmen kann, gleichzeitig aber auch einer der besten Scorer der Liga ist. Da Andre­ Rober­son aber als Lock-down-Defen­der der Stars enorm wertvoll ist und die Second Unit der Thunder so schlecht besetzt ist, dass diese seine offensiven Schwächen niemals auffangen könnte, ist Rober­son seit Jahren aus der Starting Five Billy Donovans nicht mehr wegzudenken. Auch ohne das, was die breite Masse als „außergewöhnliches basketballerisches Talent“ bezeichnen würde.

Robert Lambrecht

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