BASKET

Enes Kanter – Staatsfeind Nr.1

Während sich US-Stars gegen Donald Trump auflehnen, liegt Enes Kanter schon seit Jahren im Clinch mit dem türkischen Präsidenten Recep Erdogan. Der Knicks-Star ist Anhänger der sozial-religiösen Bewegung von Fethullah Gülen. Als Türke ein mutiger Schritt, doch Angst vor Konsequenzen kennt der 25-Jährige nicht.

Eigentlich sind die Herbsttage Jahr für Jahr die Zeit, in der sich die gesamte NBA auf die kommende Saison vorbereitet. Auf eine weitere Spielzeit Weltklasse-Basketball, den Kampf um die Playoffs und – zumindest einige­ Teams – auf den Griff nach der Meisterschaft. Die Spieler lernen ihre neuen Teamkollegen kennen, machen sich mit den Spielsystemen vertraut, jagen von einem Pressetermin zum anderen und schultern Hoffnungen und Träume der Fans und ihrer Franchise. So läuft es für jeden normalen NBA-Profi, ein jährlich wiederkehrender Prozess im Licht und Schatten des Ruhms der besten Basketballliga der Welt. Enes Kanter­ ist aber kein „normaler“ NBA-Profi, denn die Unschuld und Unbeschwertheit, die seine Kameraden in ihrem Alltagsgeschäft verspüren, die Freude und Lust an Spiel und Unterhaltung, ist schon lange nicht mehr das Einzige, was auf Kanters Seele ruht.

Als Enes Kanter bei den New York Knicks, die ihn im Rahmen eines ­Trades ihres einstigen Superstars Carmelo Anthony in den Big Apple geholt haben, vorgestellt wird, befassen sich die Fragen der Reporter nur anfänglich mit Post­up-Moves, Kaderaufstellungen oder persönlichen wie mannschaftlichen sportlichen Zielen. Bald geht es um mehr, um das Leben abseits des Courts. Abseits der Fabelwelt des Profisports, um das wahre Leben. Es geht um Politik, menschliche Schicksale, Morddrohungen, um die Kultur und Einstellung gesamter Nationen. Kaum ein Zweiter kann sich dazu so äußern wie Enes Kanter, denn bei kaum einem anderen NBA-Spieler verschwamm in den letzten Jahren die feine Linie ­zwischen Sport und Politik so wie bei dem 25-Jährigen.

Dabei fing alles so an wie bei vielen anderen Basketball-Märchen zuvor. Enes Kanter wurde im Mai 1992 in der Schweiz geboren und fand schon bald in seiner türkischen Heimat die Liebe zum Basketball. Talentiert und mit perfekten, körperlichen Voraussetzungen arbeitete sich der junge Center in den Jugendligen des basketballverrückten Landes nach oben, bekam schnell Einsatzzeit bei der ersten Mannschaft von Fenerbahce Istanbul und katapultierte sich spätestens 2008 bei der U-16-­Europameisterschaft in die Notizbücher von Profiscouts weltweit. Er machte 22,9 Punkte und 16,9 Rebounds im Schnitt, den massigen, bulligen Körper eines jungen Spielers kombinierte er mit fundamental-sauberem und kraftvollem Postup-Game, ein heute fast vergessenes Relikt der Vergangenheit, dennoch so wertvoll in den Hallen, die die Welt bedeuten. Ein Jahr später zog es Kanter, der schon längst zu einem echten NBA-Pro­spect herangereift war, an die Stoneridge Prep School nach Kalifornien. Beim Nike Hoops Summit brach er als Mitglied der internationalen Mannschaft mit 34 Punkten Dirk Nowitzkis fast 15 Jahre alten Scoring-Rekord. Nach einer kurzfristigen Zusage bei den Washington Huskies entschied sich Kanter für die University of Kentucky, die legendäre Basketball-Uni im Bluegrass State und eine mehr als passende ­Zwischenstation auf seinem Weg zu NBA-Ruhm. So weit, so gut.

Die NCAA ließ ihn allerdings aufgrund seines Engagements bei Fener­bahce nicht für Kentucky auflaufen und so ging es für Kanter ohne College-Spielpraxis in die beste Basketballliga der Welt. Die Utah Jazz zogen ihn trotzdem an dritter Stelle im NBA-Draft 2011, er schlug nicht direkt ein – unter anderem ließ seine Verteidigung viel Feuer vermissen –, verbesserte sich aber Jahr für Jahr und wurde ein überdurchschnitt­licher Rollenspieler bei den Jazz und später dann bei den Oklahoma City ­Thunder. Bei den New York Knicks könnte Kanter in dieser Saison nach längerer Zeit vielleicht mit einer Starter-Rolle rechnen und den nächsten Schritt in seiner Profilaufbahn machen. So weit die Fakten, das Sport­liche, die eine Seite der Medaille. Es gibt eine zweite, eine dunklere.

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Moritz Wollert

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